Müslüm Baba, Vater Müslüm, die Stimme der Einsamen und Armen

Müslüm Baba: Der Vater der Einsamen und Armen

Als Müslüm Gürses im März 2013 starb, ging für viele Fans nicht nur ein Sänger. Die Fans verabschiedeten ihren Vater. Einer, zu dem sie jahrzehntelang hatten aufblicken können, die, denen es sonst im Leben an Stabilität fehlte. Die, die sich nie akzeptiert sahen, außer in den Armen seiner Musik, der Musik von Müslüm Gürses.

Es ist ein Zustand, an den man sich erschreckend schnell gewöhnt. Wenn das Leben weitergeht, aber nicht jeden mitnimmt. An manchen Orten steht die Zeit einfach still. Im Memorial Krankenhaus in Istanbul waren es 107 Tage. So lange tat sich nichts, am Krankenbett des 59-jährigen Müslüm Gürses. Wäre er ein normaler Mann gewesen, so wäre sein Leid nicht weniger tragisch. Nach Komplikationen bei einer Bypass Operation, versagten sein Herz und seine Lunge. Aber Müslüm Gürses war kein normaler Mann.

Müslüm Gürses war nicht einmal mehr Gürses. Sondern Baba. Müslüm Baba, Vater Müslüm. Es sticht direkt in die Herzen seiner Fans und Verehrer, seiner Anhänger und Nachahmer, als am 108. Tag verkündet wird, dass die Zeit nicht mehr stillsteht. Müslüm Baba ist gestorben. Hunderte, Tausende, sie alle wurden des Mannes beraubt, der ihr Vater war. Aber wie soll man einfach so, seinen Vater gehen lassen?

Seine Kinder werden Müslümcüler, die Anhänger Müslüms genannt. Müslüms Kinder haben keine Antwort auf diese Frage. Vor dem Krankenhaus warteten sie seit Wochen, wenn sie die Zeit fanden, um in gemeinsamer Andacht für Müslüm Baba zu beten und „Brüder und Schwestern“ zu treffen, die ihre Gefühle verstehen.

Jetzt sind nicht wenige von ihnen, nach der schicksalhaften Verkündung, den Tränen nah und das hilflose Hadern mit der Gewissheit, dass er nicht zurückkommen wird, es lässt sie schreien und straucheln. Erwachsene Männer, älter als dreißig, vierzig, älter als Müslüm selbst und oft wahrscheinlich selbst schon Väter. Sie haben mehr verloren, als die jungen Menschen, die ihren Musikidolen hinterhertrauern, die oft nur aus ihren Bands ausgestiegen sind, wie damals bei Take That, oder heute bei One Direction. Sie haben die Stimme verloren, die für sie und an ihrer Stelle sang, die musikalische Stimme der Migranten.

Müslüm Baba und der Türken-Blues

Die Geschichte von Müslüm Baba: Es ist eine außergewöhnliche Entwicklung und eine außergewöhnliche Beziehung zwischen einer Bevölkerungsschicht und einem Musikstil. Vergleichbares ist im westlichen Kulturkreis kaum zu finden, vielleicht noch am ehesten in der Bluesmusik der USA in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Die Migranten in der Türkei kamen aus keinem anderen Land, sondern waren Türken. Sie wollten weg vom Land, hinein in die Städte. Weg von nicht bepflasterten Straßen, die in abgelegene Dörfer führten, wo die Familien selbst ausgehobene Plumpsklos benutzen mussten, hin zum pulsierenden Leben, nach Istanbul, Ankara, Izmir. Voller Hoffnung auf eine Zukunft, die drei große Quellen der Glückseligkeit bereithalten sollte: Geld, Liebe und Lebensqualität.

Für die Gründer der türkischen Republik, allen voran Kemal Atatürk, galt die ländliche Bevölkerung noch als der Träger der neuen Gesellschaft, die sie im Begriff waren aufzubauen. Als Vorbild galt, nach etwa 700 Jahren der osmanischer Herrschaft, der Westen. Und die „Westernisierung“ sollte einem unterentwickelten Land auf die Beine helfen, damit es gleichwertig stehen konnte, neben allen aufstrebenden Industrienationen, seine Ketten der Vergangenheit für immer abstreifend. Als Binnenmigranten jedoch, stießen die ländlichen Türken und Kurden auf Ablehnung. Alteingesessene, Mittelschicht, Oberschicht, Intellektuelle und Bourgeoisie – die Städter verurteilen die Zuwanderer.

Ein Heer aus Arbeitskräften, das sie als unkultiviert und einfach empfanden, unfähig sich der neuen städtischen Umgebung anzupassen. Und mehr noch, die ihre Städte verschandelten, indem sie aus Mangel an Geld und Möglichkeiten Siedlungen aus den Boden stampften, illegal aber geduldet, an die Ränder der urbanen Zentren gehängt.

Sie gleichen den brasilianischen Favelas, die türkischen Gecekondu, was übersetzt so viel heißt wie über Nacht aufgetaucht. Hier hausen die, die sich mehr wünschten als ein Abort, das sie sich mit vielen Menschen teilen mussten; und die nun oftmals mit noch viel weniger zurecht zu kommen haben.

Arabeske: Die Musik der einfachen Leute in der Türkei

Als Proletariat gebrandmarkt, viele Türen zum Aufstieg verschlossen, blieben den Zuwanderern ihre alten Traditionen, die sie nie ganz hinter sich gelassen hatten. Mit den neuen Einflüssen des städtischen Lebens vermengt, bildete sich eine eigene Gecekondu-Kultur. Und mit ihr ein neues Musikgenre. Arabeske, eine Musik die aus der Stadt und für die Stadt entstand und die die traditionelle türkische Musik mit arabischen Melodien und Klängen vermischte.

Für die Regierung, die Anhänger der Modernisierungstheorie, für Intellektuelle und Bürgertum ein vulgäres, entartetes Genre, ohne jeglichen musikalischen Wert. Die Abneigung gegenüber den arabischen Einflüssen, denen sich zu entziehen Staatsaufgabe war und die Herabsetzung: Arabeske sei eine bloße Imitation arabischer Musik, kein Teil der türkischen Kultur, ließ es auf die Liste zensierter Musik wandern; noch bis in die 1990er Jahre war es Radiosendern des Landes nicht erlaubt, Arabeske-Musik zu spielen.

Für seine Hörer aber, die ausgeschlossen waren von der dominanten Kultur der urbanen Zentren und die mit der kulturellen und ökonomischen Ungleichheit zu kämpfen hatten, war Arabeske die Stimme, die ihren Gefühlen Ausdruck verlieh. In Städten, in denen sie sich als Arbeiter ausgebeutet fühlten und als Menschen abgewertet, gab ihnen Arabeske die Möglichkeit, ihre Depressionen, Schmerzen und ihre Not herauszuschreien. Für Martin Stokes, Musikprofessor am King’s College in London, ruft Arabeske „seine Zuhörer auf, sich noch ein Glas Rakı einzugießen, sich noch eine Zigarette anzuzünden und dann das Schicksal und die Welt zu verfluchen“. Das erinnert an den Blues, der die Schwarzen in den USA durch die traurigen Jahre der Unterdrückung begleitete.

Die Arabeske-Musiker singen über das ihnen allgegenwärtige Gefühl der Melancholie und das ist es, was die Menschen der Gecekondus kennen. Dort geht es um Verlust und Vertreibung, das Fehlen von Perspektiven für die Zukunft und die Nostalgie, die die Worte Liebe und Familie wecken. Im Arabeske ist die Welt ein Raum voller wilder Gefühle und sie ist von Menschen voller Gefühle bevölkert, die zu einem einsamen Ende bestimmt sind.

Müslüm Gürses war auch solch ein Binnenmigrant. 1953 wurde Müslüm Baba in dem Dorf Fıstıközü geboren, das zu der an Syrien grenzenden Provinz Sanlıurfa gehört. Müslüms Eltern ziehen mit ihm und seinen Geschwistern schon bald nach Adana, die fünftgrößte Stadt der Türkei, von der Einwohnerzahl vergleichbar mit München oder Hamburg.

In Adana begann Müslüm Gürses seine musikalische Karriere. Noch nicht einmal in der Pubertät, singt Müslüm Gürses bereits mit 12 Jahren in einem türkischen Teegarten. Und er wird ein erfolgreicher Sänger, der bekannteste unter den Größen des Genres Arabeske. Zu ihnen gehören auch Orhan Gencebay, Ferdi Tayfur und İbrahim Tatlıses, den sie Kaiser Ibo nennen. Ein Name, der ihm dargelegt wird, um seine Großartigkeit zu huldigen, unnahbar, wie der King of Pop (Michael Jackson).

Müslüm ist nicht der König. Er ist der geliebte Vater

Müslüm Gürses aber ist nicht unnahbar. Er wird zu Müslüm Baba. Ein Name, der ihn auserkor zum Vater der Einsamen und Armen, die sich mit einem Menschen verbunden fühlten, den sie aber deshalb keineswegs weniger idealisierten. Ihren Vater Müslüm erklärten sie zum positiven Lenker ihres Lebens, der guten Hand, die an ihnen hielt. Für sie war Müslüm Baba der Mann, der sich aus Geld nichts machte, der nie vergaß, wo er herkam.

Und Müslüm Gürses war kein Sunnyboy, keiner, wie die Schlagerstars, die in Deutschland volkstümliche Melodien mit einfachen Texten zum Besten geben. Müslüm Gürses hatte mit vielen Schicksalsschlägen zu kämpfen. Es war Müslüms eigener Vater, der seine Mutter ermordete. Auch Müslüms Bruder wurde Opfer eines Mörders.

Müslüm Gürses selbst entkam 1973 nur knapp dem Tode durch einen Autounfall. Man hatte Müslüm schon in die Leichenhalle gebracht, der Arzt hatte ihn für tot erklärt. Hier befreite er sich selbst und nach einigen Operationen konnte er sein Musikerleben weitermachen. Für seine Fans, für seine Kinder im Geiste.

Müslüm Gürses blieb ein Mann, der seinen Anhängern Nähe gewährte. Ob er dies tatsächlich immer gerne tat, bleibt Spekulation, die schiere Menge an Liebe bis Fanatismus, die ihm zuteilwurde, war von einem Menschen allein wohl kaum zu erwidern. Für seine Fans war Müslüm Baba ihr ganz persönlicher Sänger. Einen, den die Beyaz Türk, die „weißen Türken“, wie sie die wohlhabenden, gebildeten Städter nannten, nicht haben wollten. Den sie ihnen, den Armen und Verzweifelten, aber auch nicht nehmen konnten.

Türkei: Zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Offiziell wurde Arabeske von allen Seiten auf schärfste kritisiert, was sich zu einem Politikum entwickelte. Arabeske wurde zum Schimpfwort und zum Sinnbild für alles, was die türkische Gesellschaft entartete. Die unerwiderte Liebe der Türkei zum Westen und die türkische Identität, die sich aufschürfte an den Idealen seiner Traditionen, an denen es nicht festhalten konnte, und den modernen, westlichen Idealen und Verhaltensweisen, die sie nicht erreichten. In jeder Art und Weise als rückwärtig angesehen und sich dem Schicksal und der Zukunft ohnmächtig ausgeliefert fühlend, wurde Arabeske zum Symbol für alles, was die Gesellschaft fallen lassen musste.

Mit diesem Fallenlassen, kämpft die Türkei noch heute. Von der EU seit jeher zurückgewiesen, in ihren Bestrebungen Mitgliedsstaat zu werden, versuchen sie auszubrechen aus der Vorstellung, ein nicht entwickeltes Land zu sein. Schon in den 1990er Jahren begann der Wandel des Arabeske. Sein klassischer Stil wurde aufgegeben und vermengte sich neu, mit türkischen Pop und Rockelementen, das Schicksal verlor seinen fatalistischen Einfluss auf die Texte.

Auch Müslüm Gürses nahm an dieser Veränderung teil, sang Lieder junger, frischer Künstler, wie dem auch im Westen bekannten Tarkan. Seinen Anhängern, in deren Leben kaum Verbesserungen eingetreten waren, standen dem Wandel machtlos gegenüber. Was ihnen blieb war die alte Musik und der Künstler, den sie liebten wie ihr eigenes Blut. Besonders fanatische Fans von Müslüm Baba zogen auf seinen Konzerten Rasierklingen aus den Taschen und ritzten sich Arme und Brust auf, während sie mitsangen und ihre Köpfe reckten. Ein Wissenschaftler erklärte dieses Phänomen so: „Es ist ein Schrei danach gesehen und gehört zu werden. Seht, der Schmerz, den ich mir hier zufüge, er ist nichts im Vergleich zu den Schmerzen, die in mir stecken.“

Von Safia Ziani

Bildnachweis: Araler, Creative Commons Version 2.5, https://tr.wikipedia.org/wiki/Dosya:M%C3%BCsl%C3%BCm_g%C3%BCses_2.jpg

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