Wie viel von mir bist du?

Ein Einblick in die Geschichte einer Gruppe sich fremder Menschen, die entdeckten, was es heißt, eine Familie zu sein – und, dass diese besondere Bindung mehr ist als das Tragen desselben Nachnamens.

Der  lange Tisch im hinteren Teil des Biergartens ist voll besetzt. Eine Gruppe junger Leute sitzt daran, die sich laut lachend und wild gestikulierend unterhalten. Sie wirken gelöst, glücklich und vertraut miteinander, wie sie da in der Sonne sitzen und ihr Bier genießen. Zwischen ihnen herrscht eine Entspanntheit, eine Bindung, die jeder Außenstehende sofort bemerkt. Liegt das daran, dass  durch die  Adern dieser jungen Menschen das gleiche Blut fließt? Sie alle stammen aus einer Familie, sie sind Geschwister, Cousinen und Cousins.

Familie – eine „aus einem Elternpaar und mindestens einem Kind bestehende Lebensgemeinschaft“, so beschreibt es der Duden. Auf die bunt gewürfelte Gesellschaft im Biergarten trifft diese Beschreibung nicht zu. Und reicht der kurze Satz überhaupt aus, um die Gefühle zu beschreiben, die Menschen empfinden wenn sie an Familie denken?

Familienmitglieder sollen sich gegenseitig Rückhalt geben, sich unterstützen, ehrlich sein. Und sich bedingungslose Liebe schenken.

All das war bei Familie Kramer, die sich heute getroffen hat, nicht immer der Fall. Ein Blick hinter die Fassade, die die hübschen, offenen Gesichter der jungen Leute bieten, zeigt, dass die von außen so stark wirkende Gemeinschaft in Wahrheit äußerst fragil ist. Heftige, eigentlich unnötige Streits rissen die ältere Generation der Familie vor Jahren auseinander. Großeltern und Eltern sprechen nicht mehr miteinander, auch zwischen den Geschwistern herrschten angespannte Verhältnisse. Kontakt hatten die Cousins und Cousinen deshalb ihr Leben lang nicht – nur, dass die Blutsverwandten existieren, das wussten sie.

Jetzt, wo alle von ihnen das Erwachsenenalter erreicht haben – 17 Jahre alt ist der Jüngste,  30 die Älteste – entstand bei fast allen das Gefühl, vielleicht etwas verpasst zu haben. Der Wunsch nach Aufklärung machte sich breit: Wer sind meine Verwandten? Was habe ich mit ihnen gemeinsam? Facebook machte den ersten Kontakt möglich. Schnell fanden sich so alle dreizehn Cousinen und Cousins zusammen, die Älteste übernahm dann die Organisation des Familientreffens.

Und heute hat sich die dritte Generation einer zerbrochenen Familie endlich getroffen, um einen Neuanfang zu wagen und das Geschehene hinter sich zu lassen. Sie wollen sich ein eigenes Bild von den Menschen machen, von denen sie bislang nur gehört haben, dass sie denselben Nachnamen tragen.

Jeder Außenstehende würde bei den Dreizehn sofort erkennen, dass sie verwandt sind – die Ähnlichkeiten sind unverkennbar. Dreizehn mal der gleiche haselnussbraune Haarschopf, die gleichen dunklen Augen und die gleiche markante Nase, unverkennbar auch das breite, herzliche Lachen. Dass diese so vertraute Gemeinschaft sich heute zum ersten Mal trifft, ist dagegen schwer erkennbar.

Doch wieso war es den zuvor Fremden überhaupt so wichtig, sich kennenzulernen? Im Prinzip kommt ja jeder auch ohne die Verwandten zurecht. Jeder und jede Einzelne hatte aber immer im Hinterkopf, dass irgendwo in Deutschland noch eine große Familie auf ihn wartete. Ein Stück von einem selbst steckt in den anderen, so das Gefühl. Aber wieso entstand dieses Gefühl, dass die Familie so wichtig ist, erst bei der dritten Generation der Kramers? Es ist die berühmte Generation, die man „Millenials“ nennt, die „Generation Y“. Der Wunsch nach intakten familiären Beziehungen ist für sie absolut nicht ungewöhnlich – nur beziehen Forscher diesen Wunsch meist nur auf die Vereinbarkeit von Kindern und Karriere. Dass es den jungen Erwachsenen von heute aber beim Gedanken an eine intakte Familie um viel mehr geht, als die Möglichkeit, selbst den ganzen Tag arbeiten zu können, während das Kind in einer Kindertagesstätte betreut wird, wird am Beispiel der Kramers deutlich. Familie – das ist eben mehr, als ein zusammenlebendes Elternpaar mit Kind. „Wir haben uns alle auf Anhieb gut verstanden, obwohl wir uns noch nie gesehen haben. Jeder wurde so herzlich empfangen“, beschreibt Jonas Kramer, 18, seine Empfindungen während des Treffens. Er wusste kaum etwas von seinen Cousinen und Cousins. Deshalb fing das Treffen auch erst einmal mit einer Vorstellungsrunde an: jeder nannte seinen Namen, seinen Alter, seinen Job.

Jetzt ist es bereits, als würden sie sich schon immer kennen. Gesprächsthemen wechseln so schnell wie die Sitznachbarn. Alle sind sich einig, dass es ein Geschenk ist, eine so große Familie zu haben. Und auch wenn es keiner von ihnen in Worte fassen kann: dass sie zusammengehören, haben sie sofort gemerkt. Obwohl sie sich nie gesehen hatten, wusste jeder sofort, dass er diesen Menschen vertrauen kann.

Zerrüttelte Familien wie die Kramers gibt es oft. Es ist jetzt an der Generation Y, an der Generation, für die die Familie eine größere Bedeutung zu haben scheint, als von vielen vermutet, es besser zu machen als die Eltern. Die Kramers haben heute gemerkt, dass ein Streit nicht der Grund für lebenslangen Kontaktabbruch sein muss. So schnell lassen sich die Bande einer Familie nicht zertrennen. In ihnen steckt eben mehr Gemeinsames als nur die Gene.

Von Pauline Schnor

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