Syrischer Bürgerkrieg: Panzer vor einer Moschee in Azaz

Syrien: Die verratene Revolution

Die westliche Welt dreht sich um Donald Trump und die USA. Doch wir dürfen nicht aus dem Blick verlieren: Direkt vor unserer Haustür, am Mittelmeer, tobt ein Krieg. 400.000 Tote, 11 Millionen Menschen auf der Flucht. Und Syrien ist gerade mal 500km weg von Zypern, einem Mitglied der Europäischen Union.

Die Nachrichten waren voll von erschütternden Bildern. Kinder werden aus Trümmern gezogen, Leute verbringen die Nacht bei Minusgraden im Freien und Menschen suchen verzweifelt nach ihren Angehörigen. Doch der jahrelange Kampf um die Zukunft Syriens nähert sich langsam dem Ende.

Die Truppen des Staatspräsidenten Baschar al-Assad werden das Land Stück für Stück von den Rebellen befreien. Welch Widerspruch: der Auslöser des Krieges, der Mann, der durch das unsinnige Festhalten an der Macht dem Krieg eine solch perverse Dimension verliehen hat, wird nun als Befreier gefeiert. Der durch seine Allianz mit Russland und Iran einen blutigen Krieg gegen sein eigenes Volk geführt hat. Der weder vor Fassbomben, Streubomben oder Giftgas zurückgeschreckt hat. Der dabei zusah, wie die Menschen, die er einst geschworen hatte zu beschützen, verhungerten, erfroren, gefoltert wurden und letztendlich ihren Glauben verloren. In diesem makabren Szenario der Hoffnungslosigkeit steht Aleppo sinnbildlich für die Grausamkeiten des Konflikts und transportiert eine traurige Botschaft: der Arabische Frühling ist gescheitert.

Nicht heute, nicht morgen, nie wieder

Als der Arabische Frühling 2011 die Straßen Syriens eroberte, schien die Veränderung unaufhaltsam. Im März protestierten Tausende gegen die repressive Regierung. Die Wut richtete sich gegen die regierende Baath-Partei und ihren Präsidenten Baschar al-Assad.

Was das syrische Volk ihrem Präsidenten vorwarf, schien viele arabische Staatsoberhäupter zu einen: Korruption, Vetternwirtschaft, Repression, stattliche Willkür und eine autoritäre Führung. Das besondere an Syrien: Durch die dreißigjährige Amtszeit seines Vaters Hafiz al-Assad, regiert der Familienclan seit knapp fünfzig Jahren unangefochten.

Der Bürgerkrieg ist ein Verrat an den Idealen des Arabischen Frühlings. Einer Gesellschaft, die für ihre fundamentalen Rechte auf die Straße gegangen ist, wurde mit Gewalt und Tod geantwortet. Die Modernisierung der arabischen Staaten – eine Forderung, die im Westen schon seit Jahrzehnten besteht – wurde im Keim erstickt und anschließend für immer begraben. Jede neue Revolution, jede tiefgreifende Reform, kann nun mit dem Satz beendet werden: „Weißt du nicht mehr, was bei der letzten Revolution passiert ist?“

Das wahre Syrien

Das Center for Justice and Accountability ist eine Nichtregierungsorganisation, die sich auf schwere Verbrechen spezialisiert hat. Der Großteil ihrer Fälle handelt von Genoziden, Folter, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und außergerichtlichen Hinrichtungen. Für den Syrien-Konflikt, hat die Organisation eine eigene Abteilung gegründet. Ziel dieser Einheit ist es, die Verbrechen, die während dem Bürgerkrieg begangen wurden, aufzudecken und detailliert wie möglich zu archivieren.

Um dies zu erreichen, setzt sie auf versteckte Informanten, die staatliche Dokumente außer Landes schmuggeln. Kritische Stimmen und politische Oppositionen, mussten in den besten Fällen mit Drohungen und Strafverfolgungen rechnen; in den schlimmsten Fällen mit Folter und Tod.

Beweise der Grausamkeit

Das bestätigen auch Bilder und Aussagen des Zeugen „Cesar“. 2014 ist er mit zehntausenden Bildern und Berichten aus Syrien geflohen. Bilder, die belegen, mit welcher Brutalität und Erbarmungslosigkeit das Regime vorgeht. Die Quelle der Information ist ein ehemaliger syrischer Militärfotograf. Es war seine Arbeit, die Leichen jahrelang penibel zu dokumentieren. Im sogenannten „Hospital 601“ konnten die Regierungssoldaten machen, was immer sie für nötig hielten. Cesar besitzt Bilder von verhungerten, geschlagenen, verbrannten und geschändeten Leichen.

Die verpasste Chance

Am Beispiel Tunesiens kann man sehen, wie die Situation in Syrien hätte enden können. Das dortige Staatsoberhaupt Ben Ali, hat nach anhaltenden Protesten das Land verlassen. Dadurch hatte das Land die Chance, eine neue Verfassung zu entwerfen und 2014 freie, demokratische Wahlen abzuhalten. Sieger der Wahlen war die säkulare Partei Nidaa Tounes, die mit 37,6% stärkste Kraft wurde.

Doch Assad wollte nicht akzeptieren, dass er gehen musste. Er hat den Frieden seines Landes für seine eigene Macht geopfert. Für ihn stand nicht das Wohl seiner Bevölkerung an erster Stelle, sondern nur die Wahrung seiner Interessen. Dass er die einst säkularen und gemäßigten Rebellen durch jahrelangen Terror und Krieg in die Arme der Islamisten getrieben hat, ist das perfekte Setting für seine perfiden Pläne. Jetzt kann ihn keiner mehr aufhalten.

Von Celal Cagli

Bildnachweis: Von Christiaan Triebert (Flickr: Azaz, Syria) [CC BY 2.0], via Wikimedia Commons

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