Oh, du nicht so Fröhliche: Kirchenaustritte in Deutschland

Seit Jahren steigt die Zahl der Kirchenaustritte in Deutschland rasant. Auch die Generation Y ist betroffen. Fragt man nach den genaueren Gründen dafür, wird meist die zu hohe Kirchensteuer bemängelt. Für diejenigen unter uns, die einmal im Jahr an Weihnachten das Gotteshaus aufsuchen, um die alljährliche familiäre Pflicht zu erfüllen, eine plausible Erklärung. Doch ist dies wirklich der einzige Grund, weswegen so viele Menschen dem heiligen Herrn den Rücken zukehren?

Ganz genau 178.805. Das ist laut der Deutschen Bischofskonferenz die Zahl der, mal mehr oder mal weniger gläubigen Katholiken, die im vergangenen Jahr den Weg aus der katholischen Kirche gewählt haben. Eine Rekordzahl, die nur 2010 zur Zeit des Bekanntwerdens des Missbrauchsskandals getoppt werden konnte und die Zahlen des Jahres 2012 deutlich übersteigt.

Woran das liegt, ist nicht ganz ersichtlich. Daran scheiden sich die Geister – genauso, wie die Geistlichen. Nicht ganz unschuldig ist wohl der frühere Bischof Limburgs, Tebartz van Elst, auf dessen Kappe, durch seinen unchristlichen Umgang mit Geld und den Gläubigen zahlreiche Mitgliedschaftskündigungen gehen. Natürlich wird das nicht als alleiniger Grund genügt haben. Die Spitze des Eisbergs könnte der Befürworter von vergoldeten Badewannen jedoch gebildet haben. Kleine Anstöße können bereits die unsensibel geführte Beerdigung der Großmutter, auf der der Pastor nicht einmal den Namen der Verstorbenen richtig aussprechen konnte, oder auch die misslungene Taufe, auf der dem Kind unsanft ein Eimer Wasser über den Kopf geschüttet wurde, sein.

Für das bereits begonnene Jahr sehen die Aussichten nicht unbedingt rosiger aus. Seit Anfang Januar wird die Kirchensteuer nun von der Bank automatisch überwiesen, wie es schon für die staatliche Steuer üblich war. Diese drastische Maßnahme lässt die Kirche in einem nicht sonderlich besseren Licht erscheinen, sondern betont deren Gier auf weitere Zuschüsse.

Auf die Suche nach möglichen Ursachen, um diese dann zu beheben, will die Kirche jedoch nicht gehen. In einem kurzen Statement zur Statistik der letzten Jahre äußert sich der Münchner Erzbischof Reinhard Marx nur verhalten. Er spricht von „schmerzhaften Zahlen“, spricht von der Freiheit, sich gegen die Zugehörigkeit der Kirche zu entscheiden und bekennt: „Viele wollen – auf ihre eigene Art – Christ bleiben.“ Auch, dass mittlerweile bereits von einem gesellschaftlichen Umbruch gesprochen werden kann, ist dem Gläubigen schmerzhaft bewusst.

Doch ganz so, wie es der Münchner Erzbischof zu denken scheint, ist es nicht. Eine Mitgliederbefragung der evangelischen Kirche stellte erst kürzlich fest, dass ehemalige Mitglieder, die sich dazu entschieden haben, nicht mehr der Kirche anzugehören, auch nicht hinter verschlossenen Türen das tägliche Abendbrot preisen, oder bei Problemen den Heiligen Geist rufen. Verlorenes Vertrauen und lange nicht mehr zeitgemäße Ansichten sind viel mehr Gründe, weshalb immer mehr Deutsche der Kirche den Rücken kehren. Seitdem die Kirche mit immer mehr Vorwürfen zu kämpfen hat, steigt auch der Zweifel der noch bestehenden Mitglieder: veraltete und konservative Privilegien, wie der Religionsunterricht, werden hinterfragt, in dem Kinder in ihrer Weltansicht manipuliert werden.

Für die Kirche wäre es nun an der Zeit, sich dem aktuellen Zeitgeschehen anzupassen und ihr Verhalten gegenüber den Gläubigen zu überdenken, um nicht auch noch den Rest ihrer Anhänger zu verlieren. Denn seitdem vermehrt Alternativen, wie der atheistischen Kirchen das Licht der Welt erblicken, wird es für die klassischen katholischen und auch evangelischen Kirchen immer schwerer ihre Mitglieder zu halten.

Von Lisa Wallbraun

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