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Jenseits von Gut und Böse: Kann Mord legitim sein?

Ich liebe nicht Vieles – doch ich liebe Woody Allen. Diese Woche ist der Filmemacher 80 Jahre alt geworden, Mitte November startete sein neuer Film „Irrational Man“ in den deutschen Kinos.  Ein ausgezeichnetes Werk, das grundlegende Fragen über Gut und Böse aufwirft. Wieder schafft Allen es, eine altbekannte Tatsache aus einem völlig neuen Blickwinkeln heraus zu betrachten. In „Irrational Man“ widmet er sich einer fundamentalen Frage: Kann Mord in manchen Fällen legitim, ja sogar gut sein?

Die Story: Philosophie Professor Abe Lucas, verkörpert von Joaquin Phoenix, kann sich an den Grund zu leben nicht mehr erinnern. Und wenn er ihm doch einfällt, erscheint er Abe nicht sonderlich überzeugend. Abe Lucas trinkt zu viel, hat eine Erektionsstörung und  ist Schriftsteller mit Schreibblockade. Alles erscheint ihm willkürlich und unbedeutsam – kurzum: Es würde Abe nicht viel ausmachen, morgen vom Bus überfahren zu werden.  Als er eine Anstellung am Braylin College in Newport annimmt, lernt Abe Studentin Jill kennen. Sie, dargestellt von Emma Stone, wird angezogen von seiner tragisch romantisch-verkorksten Art. Zwischen beiden entwickelt sich eine Liebesbeziehung.

Dann der Wendepunkt: Abe und Jill hören durch Zufall ein Gespräch mit. Eine Frau erzählt ihren Freunden, dass ihr Ex-Mann das Sorgerecht für die Kinder eingeklagt habe und dieses wahrscheinlich auch bekommen wird, da er eng mit dem Richter befreundet sei. Korrupt, unfair, aber Realität. Das ist der Moment, in dem Abe Lucas den Sinn seines Lebens wiederfindet. Im Glauben, der Welt etwas Gutes zu tun, beschließt er den korrupten Richter zu töten.

Ein Mord mit Rechtfertigung

Hat Abe Recht? Einen Menschen töten, um damit etwas Gutes zu tun – das passt auf den ersten Blick nicht zusammen. Denn Mord gilt als unrecht. Aber heiligt der Zweck nicht die Mittel? Der Zweck: Die Welt ein kleines Stück besser zu machen. Das Mittel dazu: Mord. Ist es nicht ein ehrenvolles Ziel, die Welt von einem Menschen zu befreien, der anderen das Leben erschwert? Nicht aus sogenannten niederen Beweggründen wie Hass, Gier oder Eifersucht heraus, sondern aus einem Gefühl von Pflichtbewusstsein. Wenn es nicht primär darum geht, jemanden zu töten, sondern vielmehr darum, dass eine Person einfach nicht mehr da ist. Ist Selbstjustiz von Zeit zu Zeit der richtige Weg? Noch besser, wenn man sie als Außenstehender begeht ohne den Verdacht auf sich zu lenken.

Kurz: Würdest du jemanden töten, wenn es der Gesellschaft nützt?

Kein Mord mit Rechtfertigung

Ein Beispiel dazu: Du kannst mit einer Zeitmaschine 100 Jahre in die Vergangenheit reisen.  Würdest du Adolf Hitler vergiften, noch bevor er Reichskanzler wird? Hitler töten und ohne Bedenken vor einer Ahndung dieses Mordes  schnell zurück in die Gegenwart? Heiligt der Zweck doch die Mittel und kann Mord auf diese Weise sogar gut sein?

Wenn es nach der Filmindustrie geht, dann ist Mord nur schlecht, wenn es den Helden trifft. Es muss ein wahnsinnig großer Verschleiß an Bösewichten sein, den Hollywood zu verbuchen hat. Doch weinen wir nur einem dieser Bösewichte eine Träne nach? Nicht wirklich. Denn obwohl wir es eigentlich besser wissen müssten: Wir glauben immer noch, dass es auf der einen Seite das Gute und auf der anderen das Böse gibt. Dabei sind Böse und Gut nur Worthülsen, in die Menschen ganz nach ihren persönlichen Belieben Dinge, andere Menschen oder Gegebenheiten einsortieren. Gut und Böse, das gibt es nicht. Gute Menschen und böse Menschen schlussfolgernd genauso wenig.

Selbstjustiz  setzt ein Selbstverständnis als das Gute voraus, das gegen das Böse handelt. Wenn es nun weder Gut noch Böse gibt, dann bleibt nur noch der Mensch, der handelt.  Und handeln kann man nur regelkonform (also in unserer heutigen Gesellschaft: nicht morden) oder gegen die Regel. So betrachtet ist ein Mord niemals legitimiert. Nicht an einem korrupten Anwalt, ja nicht einmal an einem Tyrannen.

Von Kim von Ciriacy

Bildnachweis: José Martín (unsplash.com)

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