Gehorsam: Wie fühlt es sich an, sein eigenes Kind zu opfern?

„Gehorsam. Eine Installation in 15 Räumen“ – gefüllt mit Messern und Knebeln, Schlachtvieh und Blut, Kruzifixen und Krieg, aber vor allem mit Liebe und Opferung. Das Künstlerpaar Saskia Boddeke und Peter Greenaway zeigt noch bis September seine Sonderausstellung im Jüdischen Museum in Berlin zur biblischen Erzählung der Opferung Isaaks. Die Geschichte Abrahams, der bereit war, aus Gehorsam zu Gott seinen Sohn aufzugeben.

Wenn eines bei der Pressekonferenz hervorsticht, ist es Peter Greenaway, der seine exzentrische Ader nicht verheimlichen kann. Förmlich alles in ihm schreit nach mehr. Der saloppe, gefällige Ton; die verschränkten Arme; die Unart, auf Fragen mit Gegenfragen zu reagieren. Für einen Künstler ist die überschaubare Runde an erschienen Journalisten wohl eher Aperitif.

Seine Frau, Saskia Boddeke, ist nicht egozentrisch. Als sein Gegenteil sprudelt sie nur so vor Informationen, antwortet laut und offen und scheint es in der Ausstellung als ihre Pflicht zu sehen, den Blick auf die Frauen der biblischen Geschichte freizulegen. Sarah und Hagar, die auch im Schatten ihres Mannes Abrahams standen. Denn keine findet in Isaacs Opferung Beachtung, obwohl auch sie Leid teilten. Um diesen Missstand aufzulösen, bekommen sie durch Boddeke in der Ausstellung sogar eigene Räume, Installationen und dadurch Gesichter. Trotz ihrer Anstöße zur Interpretation sind die Fragen der anwesenden Journalisten während der Pressekonferenz verhalten. Aber was soll auch gefragt werden, zu einem fulminant schwer gefüllten Wort wie Gehorsam?

Neue Interpretationen des Gehorsams

Was Gehorsam ist, das zeigen die Räume in nicht geahnter Präzession. Boddeke und Greenway haben nicht nur eine Geschichte in physische Formen verwandelt. Sie haben sie seziert wie einen Körper. Jeder Bestandteil, jedes noch so kleine Organ, haben sie ihr entnommen und unter das Licht gehalten, damit sie alle sehen können. Dieses harte Herunterbrechen auf alle Kernelemente der Geschichte wirkt eindringlich. Jeder Raum führt zur Reflexion: Welche Bedeutung hat der Widder in der Geschichte, der in seinem eigenen Raum in einer Truhe voll Wasser „schwebt“? Weshalb zeigen die Künstler große, abstoßende Engelsflügel, geformt aus lauter Menschenhänden? Es geht kreuz und quer durch die Geschichte. Nicht nur die der Opferung Isaacs, sondern auch die der Zeit. Eine biblische Erzählung, spielend in einer Zeit, die es vielleicht nie gegeben hat, vermengt sich mit der Moderne und dem, was sie aus ihr gemacht hat.

Die drei monotheistischen Religionen bekommen jede einen eigenen Raum. Für das Künstlerpaar eine Selbstverständlichkeit, auch Hagar und Ismael zu zeigen, die in der Geschichte selbst unbeachtet bleiben, für den Islam aber höchsten Stellenwert besitzen. Der erstgeborene Sohn Abrahams, Ismael, wird mit seiner Mutter Hagar in der Wüste ausgesetzt, nachdem Sarah ihren lang ersehnten Sohn Isaak bekommt. In der Ausstellung zeigt eine Videoinstallation zahllose Jugendliche. Sie sprechen „I am Isaac“ oder „I am Ismael“ und machen so deutlich, mit welchem der Jungen sie sich identifizieren können. An der Decke sind tönerne Karaffen befestigt, Wasser tropft aus ihnen und symbolisieren die heilige Quelle Zam Zam, die einst die verstoßene Mutter und ihren Sohn vor dem Verdursten bewahrte.

Erschreckende Parallelen zum Hier und Jetzt

Die Liebe der Eltern zu ihrem Kind verdeutlicht eine wandfüllende Fotokollage. Kleine Familienportraits aus aller Welt. Boddeke und Greenaway verweben die Gefühle, die sie in Überlieferung fühlen, mit plastischen Zeugnissen aus vergangener Zeit. Bis sich die Messer und das Blut ausdehnen. Blutrot werden Schrift und Farbe und rinnen die Wände herunter. Macheten, Beile, Äxte und Dolche von der Erde bis zur Decke – sie sind die Unheilsboten, die das Tor öffnen zu einem Raum voller Aktualität und Brisanz. Ein großer Raum, in dem drei Videos projiziert werden, während die Töne, Geräusche und Sätze in ihnen wie Donner im Museum hallen. Sie zeigen Kinder und Jugendliche, die in Kriegsgebeten leben. Sie erzählen von dem Schrecken, in dem sie ausharren müssen, von den Gräueltaten, die sie sehen und den Dingen, die sie tun müssen. Und die Frage nach dem Warum.

Immer wieder teilen sich die Videos, zeigen Sequenzen eines Tanzes. Nicht irgendeines Tanzes: Dramatisch und impulsiv tanzen die Darsteller die „Opferung Isaaks“, wie der Vater seinen Sohn greifen will; bereit, ihn zu töten. Es könnte kaum erschreckender sein, zu erkennen, was der Raum sagen möchte. Dass die Opferung Isaaks nie ein Ende fand und es auch keinen Gott gibt, der dem Einhalt gebietet. Sondern dass die Menschen noch heute ihre Kinder opfern. Sie opfern sie dem Krieg und sie opfern sie ihren eigenen materialistischen Bedürfnissen und Machtkämpfen. Dort werden sie zum Spielball der Erwachsenen, unmöglich zu entkommen. Der letzte Raum rundet mit dem Beginn der Identifizierung zu Isaak oder Ismael und stellt die logische Frage: irren wir nicht, zu denken wir seien das Kind? Sind wir nicht vielmehr Abraham? Der, der zu opfern bereit ist – nicht der, der geopfert werden soll?

Von Linn Rietze

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