Drogen im Nebenerwerb verkaufen: In Berlin ein lukratives Modell

Berlin kifft. Gute Zeiten für Dealer im Nebenerwerb

Berlin kifft. Auch wenn es lange Zeit als Tabuthema galt, lässt es sich nicht leugnen. Der einzigartige Geruch von Marihuana haftet nicht nur an Straßenpunks, sondern auch an Geschäftsmännern, Hausfrauen und vor allem Studenten. Ihr gemeinsamer Nenner: Berlins Drogendealer.

Wenige Tage nach seiner Ankunft in Berlin begann Kofi, ein 30-jähriger Ghanaer, im Görlitzer Park Cannabis an Passanten zu verkaufen. Viel Geld verdient er damit nicht. Selten reiche es für das Nötigste, sagt er. Doch ob er sich als Krimineller sehe? „Nein, auf keinen Fall. Ich verkaufe kein Gras, weil es mir Spaß macht, ich bin auf dieses Geld angewiesen.“ Während ich mich mit Kofi unterhalte, kommen immer wieder Jugendliche – darunter auch Minderjährige – zu ihm, um Gras zu kaufen. Sein Umgang mit den Kunden ist sehr höflich, fast schon charmant und er führt Smalltalk mit ihnen, als wären sie seine Freunde.

Nächste Station: Drogendealer

Vor drei Jahren wagte Kofi seinen zweiten Versuch, über Libyen nach Lampedusa und schließlich mit EU-Papieren nach Berlin zu kommen.

In Ghana verdiente er als Tischler auf Baustellen sein Geld, bis seine Eltern in den Neunzigern mit ihm nach Libyen gingen, um nach Europa zu fliehen. Bei dem Versuch wurden beide vom libyschen Militär getötet. „Ich habe es daraufhin alleine versucht und hatte mein Ziel fast erreicht. Aber ich wurde kurz vor Lampedusa von der Küstenwache wieder abgeschoben“, erzählt Kofi, während sich seine Augen mit Tränen füllen. Den Tod der Eltern hat er nie verkraftet, zumal er sich nie von ihnen verabschieden konnte.

2010 gab er sein letztes Geld aus, um auf einem kleinen Boot mit anderen Flüchtlingen nach Lampedusa zu gelangen. Dieses Mal wurden sie von der Küstenwache gerettet, der er mittlerweile sehr dankbar ist: „Sie haben mir das Leben gerettet, indem sie mich in die EU gelassen haben. “ Zwei Jahre brauchte die EU, um seine Dokumente fertigzustellen, nun lebt Kofi in einem Camp in Kreuzberg. Und darf nach wie vor nicht arbeiten.

Kofi würde gerne wieder auf einer Baustelle arbeiten, für seine Zukunft wünscht er sich jedoch einen eigenen Obstladen. Doch wie er seinen Traum verwirklichen könnte, ist unklar.

Lieber dealen als arbeiten

Am nächsten Tag treffe ich mich mit John, den ich neulich kennengelernt habe. Der 24-Jährige macht gerade an einer Berliner Universität seinen Bachelor. Seine Eltern sind sehr wohlhabend und unterstützen ihn finanziell.

Als Jugendliche vertrieben John und seine Freunde ihre Zeit mit dem Kiffen. „Ich liebe es einfach“, gibt er zu. „Es entspannt mich zu verschiedenen Gelegenheiten.“ Als 18-Jähriger fing er an zu dealen. Für ihn stellte sich gar nicht die Frage, einer legalen Arbeit nachzugehen: Schon bald bemerkte er, wie einfach er mit dem Verkauf von Marihuana an schnelles Geld kam. „Ich hole große Mengen Gras zu kleinen Preisen, dann verkaufe ich davon kleine Mengen für das Dreifache des Einkaufspreises“, erzählt John fast ein wenig stolz. „So komme ich auf bis zu 1000 Euro im Monat.“

Aber weshalb verkauft er Drogen, wenn seine Eltern ihm doch alles bezahlen? „Mehr Geld zu haben, schadet ja nicht. Ich gehe gerne und viel feiern, dafür möchte ich sie nicht noch anhauen.“ Einen „normalen“ Job würde er nicht wollen, sagt John, dafür gefalle ihm das Dealen zu sehr. Erst nach seinem Studium möchte er einem legalen Beruf nachgehen.

Obwohl John mit dem Drogenverkauf erfolgreich ist, hat er manchmal Angst vor der Polizei: „Ich verkaufe meistens nur an Freunde und Bekannte aus der Uni. Trotzdem unterschätze ich das Risiko nicht, dass die Polizei irgendwann vor meiner Tür stehen könnte.“ Schon alleine deswegen würde er niemals auf der Straße Drogen verkaufen. „Dafür habe ich meine Stammkunden. Ich muss aber zugeben, dass mich das Risiko mit der Polizei auch manchmal reizt.“

Unterschätztes Risiko

Und dieses Risiko sollten John und andere Drogendealer nicht unterschätzen. Jährlich steigen die Strafen für den Verkauf von Rauschgift und bekannte Plätze werden stärker von der Polizei überwacht. Zwar gab mir die Polizei keine Auskunft auf meine Fragen, aber aus dem Betäubungsmittelgesetz § 29 Absatz 1 ist ersichtlich, dass der unerlaubte Handel mit Betäubungsmitteln mit einer Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren oder Geldstrafen sanktioniert wird.

Die deutsche Kriminalstatistik erfasst jährlich die Zahlen aller Delikte, die deutschlandweit begangen werden. In ihrem Überblick von 2011 ist abzulesen, wie die Rauschgiftdelikte (illegaler Handel) um 2,4 Prozent gestiegen sind, insgesamt gab es 236.478 Fälle mehr als im Vorjahr. Auch bei dem Cannabis-Handel gab es einen Anstieg von 2,4 Prozent auf 131.951 Fälle. 2012 stiegen die Zahlen erneut um 5 Prozent, ebenso die Zahlen der tatverdächtigen Jugendlichen und Heranwachsenden.

Für die einen ist der Drogenverkauf ein überlebenswichtiges Geschäft, für die anderen nur leicht verdientes Geld. Die Gesetzlage ist jedoch eindeutig und die Strafen je nach Menge nicht gering. Drogenhandel geht mit einem Risiko einher, bei dem jeder darüber nachdenken sollte, ob es das wert ist.

Von Linn Rietze

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