Zurück aus dem Nichts – Identifizierte Tote

Tote, deren Identität nicht geklärt ist. In oft monatelanger und mühseliger Kleinstarbeit finden Beamte des Berliner Landeskriminalamts ihre Namen heraus. Meistens, nicht immer. Drei aufgeklärte Fälle stellen wir euch vor.

In einer Wohnung, die ihm nicht gehört, hat er sich das Leben genommen, mit seinen eigenen Händen. Es ist ein verschreckender Anblick – so schlimm, dass es hier reichen muss, von Selbstmord zu reden. Keine weiteren Details. Es war der Vermieter, der ihn fand, völlig unterwartet. Er wollte nur noch einmal zu ihm, um eine Kopie seines Personalausweises zu bekommen. Es sollte ja alles mit rechten Dingen zugehen, nachdem man sich so schnell über das Internet gefunden hatte, auf einer der Webseiten, wo Mieter für kurze Zeit einen Untermieter suchen. Von dem Plan des Unbekannten wusste niemand etwas. Alle Beweise seiner Existenz zu vernichten, und am Ende sich selbst.

Niemand sollte ihn erkennen

Dafür hatte er akribisch alles zerstört, was an ihn erinnerte. Hatte extra eine neue E-Mail Adresse erstellt, nur um zu dem Wohnungsinhaber Kontakt aufzunehmen. Hatte extra eine PrePaid Karte gekauft, um einen einzigen Anruf zu tätigen: „Ich komme jetzt zu Ihnen.“ Danach war er zwei Wochen allein. Irgendwann innerhalb dieser 14 Tage tat er ihn, seinen letzten Schritt. Was man noch fand: ein paar Kleidungsstücke, eine Brille und ein Notebook. Das kam in die forensische Computerabteilung. Sein Körper in die Gerichtsmedizin. Aber beide Labore kamen zu keinem Ergebnis. Das Passwort konnte geknackt werden, der Fund aber war ernüchternd. Der Tote hatte seinen PC auf den Urzustand zurückgesetzt. Und er selbst? War nicht zu identifizieren. Kein Erfolg beim Abgleich der Fingerabdrücke, die Öffentlichkeit erkannte ihn nicht, in den Vermisstenanzeigen keine Übereinstimmungen.

Ein Computer vergisst nicht

Aber eine Spur gab es noch: Das Notebook hatte eine Identifikationsnummer, die es möglich macht herauszufinden, wo das Gerät gekauft wurde. In einem großen Berliner Elektromarkt. Dort findet sich ein neuer Ansatz für die Nachforschungen. 20 Stück sind weggegangen, 18 mit Karte bezahlt, zwei in Bar. Die zwei Barzahlungen kann niemand mehr nachverfolgen. Aber die EC-Karten hinterlassen Spuren. Richterliche Beschlüsse werden angefordert, die das Decodieren der Bankdaten erlauben. Aber auch hier kein Erfolg. Ob der unbekannte Tote sein Notebook bar bezahlt hat, ist bis heute nicht klar.

Die zündende Idee kommt dem ermittelnden Kommissar erst lange Zeit später, beim Joggen. Vielleicht sind die Wiederherstellungspunkte im Notebook erhalten geblieben? Jene Punkte, die es ermöglichen, einen Computer auf ein vergangenes Datum zurückzusetzen. Tatsächlich sind sie es. Vor vier Monaten wurden das letzte Mal Dateieinträge vorgenommen, auf diesen Zeitpunkt setzen die Computerspezialisten ihn zurück. Der Unbekannte hat Skype genutzt, jetzt erscheint sogar sein Benutzername. Eine Anfrage mit richterlichem Beschluss bei dem Unternehmen in Luxemburg liefert die Kommunikations- und Anrufdateien. Viele Kontakte nach Asien. Aber noch etwas. Eine deutsche Handynummer. Die letzten Schritte der Suche beginnen, die Nummer ist noch zu erreichen. Und der Besitzer kennt den Toten. Mit seinen Angaben kann der allesentscheidende Zahnabgleich gemacht werden, der die Sicherheit bringt, dass sie ihn gefunden haben.

Sein Name: Chian Nitaya*

Simmern im Hunsrück steht auf der Bahnfahrkarte. Gekauft in einem 7500 Seelenort in Rheinland-Pfalz, hat sie einen Mann von Frankfurt am Main nach Berlin gebracht. Eine lange Fahrt, lange her. Was dazwischen passiert ist: ungeklärt. Zwischen der Ankunft in der Hauptstadt und seinem Tod.

Da die Leiche nichts bei sich hat, was ihre Identität belegen kann, wird sie als „Unbekannter Toter“ kategorisiert. Ein bis zwei solcher Fälle landen jede Woche auf dem Schreibtisch der Vermisstenstelle des Landeskriminalamtes in Berlin. Über 60 unbekannte Tote im Jahr, keine Seltenheit für die Hauptstadt.

Abgeschoben aus Spanien

Bei diesem ergibt die Autopsie später: Herzversagen. Abseits von Spaziergängern und Joggern in einem Park, hat es aufgehört hat zu schlagen. Niemand hat es gemerkt. Als der etwa 50-jährige Mann Wochen später gefunden wird, sind es nur noch Käfer, Maden und andere Insekten, die über seinen verwesenden Körper krabbeln. Für ein Foto ist es zu spät, ein Gesicht lässt sich nur noch erahnen und er trägt auch nichts bei sich, nur diese Bahnkarte – in Simmern gekauft.

In jener Kleinstadt beginnt die Suche nach seiner Identität, in einem Reisebüro. Die Dame kann sich sogar an den Herrn erinnern, der die Karte gekauft hat. Denn es passiert nur noch selten, dass dort jemand ein Zugticket kauft. Zumal er ein Obdachloser war, von einer sozialen Einrichtung mit etwas Geld unterstützt, nachdem er ohne Hab und Gut am Frankfurter Flughafen gelandet war. Abgeschoben vom spanischen Konsulat, zurück nach Deutschland. Die Frau im Reisebüro kann sogar noch etwas liefern. Seinen Namen.
Mit falscher Identität unterwegs gewesen

Ein Gesicht bekommt er auch. Denn mit den gewonnenen Angaben kann aus Spanien ein Reiseersatzdokument zugeschickt werden, für das eigens ein Foto geschossen wurde. Vermutlich das letzte des Mannes. In Berlin wird der Name abgeglichen. Er existiert, er gehört sogar einem Berliner – aber der lebt noch. Dem untersuchenden Kriminalhauptkommissar sitzt der tatsächliche Träger des Namens wenig später gegenüber. Eine Erklärung hat der Mann nicht für den Diebstahl seiner Identität. Er kenne den Toten nicht, habe ihn noch nie gesehen. Aber er habe einmal seinen Personalausweis verloren. Bis heute ist die letzte Vermutung, dass der Unbekannte ihn gefunden hat, die Daten einfach als die seinen ausgab.

Die Öffentlichkeit führt zum Erfolg

Es bleibt nur noch das Bild, und das geht in die öffentliche Fahndung. Berlin wird um Mithilfe gebeten. Wenig später erste Reaktionen und zwei von ihnen, sie kennen diesen Mann. Ihre Angaben decken sich. Für die Beamten die wichtigste Hilfe: Eine der beiden Personen kannte ihn gut, sie hat sogar ein altes Bild, aus besseren Tagen. Und dieses bestätigt endgültig, die Männer vom Landeskriminalamt haben die Identität des Toten gefunden.
Der Unbekannte erhält seinen Namen zurück – seinen echten. Und eine Geschichte, die vor allem traurig ist und zeigt, wie das Schicksal spielen kann. Aus seinem normalen, gut bürgerlichen Leben wurde eine Talfahrt, als er auf einen Schlag seine ganze Familie verlor, in Streitigkeiten geriet und einen Schlussstrich zog. Er wollte weg aus Deutschland, im Ausland sein Glück versuchen. Aber das fand er nicht.

Er verlor alles und lebte mehrere Jahre als Obdachloser in Spanien. Um zu überleben, wurde er kriminell, bis die spanische Ausländerbehörde entschied, dass er zurück nach Deutschland müsse. Sein Wunsch nach Berlin zu gehen, zurück zu jener Stadt, die er einst hinter sich lassen wollte. Es erinnert an die Rückkehr eines lange Verschwundenen, der zum Schluss seine letzte Ruhe doch nur dort zu finden schien, wo er immer zu Hause war.

Sein Name: Alexander Kosian*

Sie ist weiblich und über 70. Mehr gibt der tote Körper nicht Preis, den die Beamten der Polizei in einer Berliner Gasse finden. Die Totenstarre ist schon eingetreten, ihr Gesicht ist fuchtbar verzerrt. Aber egal wie die tote Frau jetzt aussieht, wo jeder Muskel in ihrem Körper verhärtet ist – ein letztes Foto muss geschossen werden, denn mehr werden die Fahnder nicht von ihr bekommen.

Sie ist eine Obdachlose. Ohne Hab und Gut, sie hat nichts bei sich, das ihre Identität belegen könnte. Weder ein Ausweis, noch ein Schlüssel mit vielleicht notierter Adresse. Alles was sie bei sich hat, sind drei Zettel mit ein paar Notizen. Notizen auf plattdeutsch, das ist erkennbar. Weil sonst nicht bleibt, wird sie als „Unbekannte Tote“ eingeordnet. Ein bis zwei solcher Fälle kommen jede Woche auf den Schreibtisch der Vermisstenstelle des Landeskriminalamtes in Berlin. Über 60 unbekannte Tote im Jahr, keine Seltenheit für die Hauptstadt.

Die Befragung der Anwohner am Fundort bringt keinen Erfolg. Eine Obdachlose ist nur eine von vielen, und wer sie vielleicht einmal gesehen hat, kann sie nicht identifizieren. Andere Obdachlose aber, sie können es. „Tudchen“, das kann der ermittelnde Kommissar herausfinden, so haben sie die Frau genannt. Weil das noch immer zu wenig Information ist, wendet sich das Landeskriminalamt an die Öffentlichkeit.

Und dann kommt er auch, der nächste Hinweis – Eine Ärztin meldet sich, die Frau auf dem Foto hat sie selbst schon betreut. Nicht im Krankenzimmer, nicht mit Krankenakte oder Versicherungskarte. Die Ärztin kommt von einer Straßenambulanz, die kostenlos den Menschen auf der Straße hilft, weil diese sonst keine gesundheitliche Betreuung mehr erfahren. Dass ihr Name „Trudchen“ ist, das weiß die Ärztin. Bevor die Ernüchterung einsetzt, über eine Information, die der Kommissar schon hat, fährt die Frau fort. „Trudchen“ kommt von der Küste, das hat sie ihr erzählt. Und dass sie am 13. Mai 1939 geboren wurde.

Immer mehr Fragmente eines Lebens. Die Intuition des Ermittlers lässt ihn im Rostocker Standesamt anrufen. Wenn sie von der Küste ist, platt spricht, vielleicht kann er sie dort finden? Im Archiv durchsucht die Standesbeamte die Unterlagen. Wer wurde bei ihnen am 13. Mai 1939 geboren? Fünf Geburten lassen sich zählen. Zwei Jungen und drei Mädchen. Eins von ihnen heißt Trude.

Ab da gleicht die Suche einer Schnitzeljagd. Dem Kommissar gelingt es, die Eltern zu ermitteln, wohin sind sie gezogen? Sie sind schon verstorben. Aber Trude hatte Geschwister. Wie heißen sie? Sie leben noch, wo muss jetzt herausgefunden werden. Als diese Ermittlung abgeschlossen ist, hat der Kommissar eine Telefonnummer. Die Frau am anderen Ende der Leitung, sie ist vollkommen überrascht. Sie ist die Witwe des verstorbenen Bruders von Trude. Aber seit Jahrzehnten hat sie von ihrer Schwägerin nichts mehr gehört. Und gesehen hat sie sie das letzte Mal 1970, erzählt sie. Da saß Trude im Gefängnis in der DDR.

Dem Kommissar spielt jetzt die alte DDR-Bürokratie in Hände. Über jeden ihrer Gefangenen hat die Diktatur penibel Buch geführt. Im Bundesarchiv für DDR Häftlinge recherchiert er nach der Frau und wird fündig. Neben ihrem Namen notiert ist die Haftanstalt, in der sie gesessen hat. Dort ruft er an und erkundigt sich, tatsächlich haben sie sogar noch Bilder. Und weitere Informationen: Trude hatte Kinder. Die sucht und findet er schließlich. Kinder, die ihre Mutter seit Jahren nicht gesehen hatten, die gar nicht wussten in welcher Situation ihre Mutter steckte, dass sie auf der Straße lebte. Der Wangenabstrich eines ihrer Kinder und ein DNA-Abgleich bringt der Toten aus Berlin ihre Identität.

Ihr Name war: Trude Marquardt*

(*Namen geändert)

Von Safia Ziani

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