Wir Kinder vom ZOB Berlin

19:45 Uhr, Westend in Berlin. Es bläst ein starker kalter Wind zwischen den Plattformen, die Hände der Menschen sind in Taschen gesteckt, eingewickelt in Handschuhe und der Schal ist bis tief ins Gesicht gezogen. Grelle Neonlampen weisen den Weg zu den Bussen – alles andere wird dahinter verschluckt von der Dunkelheit.

Der Zentrale Omnibusbahnhof, kurz ZOB Berlin, ist das Drehkreuz für Fernbusse, die im 10-Minutentakt sogar bis hin in den Kaukasus fahren. Genervt von den teuren Preisen der Deutschen Bahn, entschied ich mich an diesem Freitagabend, für gerade einmal neun Euro von Berlin nach Hamburg zu fahren. Fast geschenkt. Doch wo war der Haken?

Während drüben an Plattform 3 gerade ein Bus aus Danzig ankommt und eine alkoholisierte Männergruppe anfängt auf Polnisch mit erhobenen Bierdosen los zu grölen, schleichen zwischen den wartenden Menschen Pfandflaschensammler rum, die ausgerüstet mit Taschenlampe und einer großen Tüte ihr Glück versuchen. Da ich nicht davon ausgegangen war, meine Mütze beim Busreisen zu benötigen, machte ich mich auf die Suche nach dem hoffentlich warmen Warteraum.

Davor traf ich erstmal auf vier Frauen, mit der Kippe in der einen und einem Energy Drink in der anderen Hand. Dass zwei davon sichtlich schwanger waren, schien hier niemanden zu stören. Wo zur Hölle war ich? Was stimmt mit dem ZOB nicht? Dieser Weg war nicht mein Ziel!

Nachdem hier erst der Terrorist vom Breidscheidplatz Anis Amri kontrolliert worden war, erfolgte zufälligerweise am ZOB Berlin auch die Festnahme des bekannten U-Bahn Treters von der Hermannstraße. Es gibt immer wieder Probleme im Senat wegen des „Angsttunnels“, der den ZOB mit dem Messegelände verbindet. Terror, Gewalt und ein Angsttunnel – Business Class gibt’s woanders.

Endlich angekommen in der Wartehalle! Es roch nach Bier, aber auch ein wenig nach der Jungsumkleide einer achten Klasse. Was für ein Melting Pot. Kraftlos, durchgefroren und mit dem Hauch einer sozialen Phobie versuchte ich mir einen Platz rauszusuchen, bei dem ich keinen Sitznachbarn hatte.

Beim Mustern der Runde fiel mir auf, dass hier niemand eifrig am Laptop arbeitete oder die Süddeutsche Zeitung las. Rimowa-Koffer? Eher sah man vereinzelt Ikea-Tüten und generell merkwürdige Reiseutensilien, wie zum Beispiel den umfunktionierten Karton einer Fritteuse.

Während ein Backbacker-Pärchen auf der Bank schlummerte, bemerkte ich eine Gruppe von fünf jungen Typen, die ohne Schuhe auf der Heizung saßen und ihre Füße wärmten. Mit Blick auf das Wetter konnte ich ihnen das nicht einmal verübeln. Unerschrocken erzählte einer von ihnen eine Geschichte, während die anderen ihm lauschten. Lagerfeuer Stimmung am ZOB.

Als mein neuer Sitznachbar anfing, eine Clementine zu schälen, warf ich ihm dabei einen dankbaren Blick zu – der Geruch gefiel mir. Beim Gespräch stellte sich heraus, dass er seine vier Kinder in Paris besuchen wollte, ursprünglich stamme er aus dem Senegal und lebe in Berlin.

Von Berlin nach Paris sind es mehr als zehn Stunden Fahrt – während ich wohl ausgerüstet mit Thrombosestrümpfen und genügend Valium mein Social-Media Netzwerk vollgejammert hätte, saß der Mann da und hatte verdammt gute Laune.

Generell waren die Menschen hier alle so fest entschlossen zu reisen. Von meinem Platz aus sah ich, wie sich ein Blinder dem Taxistand näherte – auch saß gegenüber von mir eine ältere Frau mit einem Sauerstoffgerät. Bewundernswert.

Noch 20 Minuten bis zur Abfahrt. Aus Angst, neben der Toilette sitzen zu müssen, machte ich mich schon mal aufgewärmt auf dem Weg und ließ die Wartehalle und ihre abenteuerliche Stimmung hinter mir. Draußen wieder eisige Kälte.

Offenbar war ich nicht die Einzige, die Panik vor dem Toilettenplatz hatte. Die Plattform war schon ziemlich gut gefüllt. Nebenan stand ein Bus Richtung Prag, vor dem sich eine große Gruppe von Schülern positioniert hatte. Der Lehrer machte schnell ein Foto, bevor es in den Bus ging – ein Foto vorm grünen Flixbus, was kann es für eine schönere Erinnerung geben?

Noch 10 Minuten und mein Bus war immer noch nicht da. Mein Auge fiel nun auf ein Pärchen, was sich seit mindestens fünf Minuten pausenlos umarmt hatte. Das Mädchen löste sich nun aus der Versteinerung von ihrem Freund und drückte ihm einen Kuss auf die Wange „Endlich bist du wieder da“ – Herzschmerz an Plattform 3. Offenbar handelte es sich hier um ein klassisches Fernbeziehungspärchen. Diese Prozedur jedes Wochenende ertragen zu müssen und dann noch mit einem Fernbus, ein Life-Style eben.

Doch plötzlich wurde ich hellwach, als eine blecherne Stimme aus den Lautsprechern dröhnte – die Plattform für meinen Bus nach Hamburg hatte sich geändert. Hektisch strömte die Menschentraube Richtung Plattform 4. Dort angekommen wartete schon der warme Flixbus. Endlich. Tumultähnliche Zustände gab es sofort am hinteren Teil des Busses, wo das Gepäck hinkam.

Gesegnet ohne Koffer oder einen Fritteusenkarton, nur bepackt mit einer kleinen Tasche, schoss ich zu der Frau mit der grünen Flixbus-Winterjacke, um meinen Code zu scannen. Selbstverständlich zog ich im Bus meinen Laptop aus der Tasche, denn die 3 ½ Stunden Fahrt sollten ja effizient genutzt werden! Doch der Bus war eher auf das Schlafen, anstatt auf das Arbeiten, ausgerichtet – die Beleuchtung während der Fahrt blieb ausgeschaltet.

Erschöpft von den aufregenden Eindrücken am ZOB, fielen meine Augen langsam zu und das auch ganz ohne Valium. Der Bus fuhr los. Dass der Bus ca. zwei Stunden länger braucht als die Bahn, das Publikum völlig anders ist und es in der Bahn eine „richtige“ Toilette gibt, ist klar. Der Preis beim Busfahren ist schließlich das Totschlagargument. Doch auch die Busreise hatte für mich einige versteckte Vorteile.
Keine schlecht gelaunten Rentner, die auf ihre Sitzplatzreservierung beharren, keine Manager, die ihr blödes Hefeweizen bestellen, keine Reisenden, die schon 20 Minuten vor Ankunft die Gänge verstopfen und das Beste: kein Zwischenstopp in Spandau.

Von Marie Kröger

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