Sex zwischen Wissenschaft und Leidenschaft

Als das Fernsehen noch Schwarz-Weiß und das Wissen über Sex genauso farblos war, sorgte ein Buch für Aufsehen.  „Human Sexual Response“ revolutionierte die Fachliteratur der 1960er Jahre. Erstmals wurde Sex wissenschaftlich untersucht. Ein Skandal in einer Zeit, in der Sex in der Regel im Dunklen stattfand.

1966, St Louise in Chicago, Labor der Washington University

Das Labor ist klein, die Wände in Eierschale. Ein Schrank steht an der Wand rechts neben der Tür. Er beherbergt allerlei  Stethoskope, Klemmen und Skalpelle. Gegenüber, ein Einwegspiegel, durch den man zwar in den Raum, aber nicht hinaus blicken kann. Die ockerfarbenen Vorhänge sind zu gezogen und verweigern die Sicht in den dunklen Hof der Washington University. In der Mitte des Raumes steht eine Liege in weißem Stoffüberzug. Auf ihr wälzen sich zwei nackte Körper, vom Neonlicht der großen Leuchten bestrahlt. Die Frau liegt auf dem Rücken, er über ihr, umfasst ihr Gesicht mit beiden Händen und bewegt sich langsam und rhythmisch auf und ab. Beide sind verkabelt und an Messgeräte angeschlossen, die ihre körperlichen Veränderungen während dem Sex messen sollen.  Ihr Puls und Blutdruck steigen. Erregungsphase. Sie hat die Arme um ihn geschlungen, hält sich mit spitzen Fingen an seinem schweiß-feuchten Rücken fest, drückt ihr Becken nach vorne. Ihre Muskeln spannen sich an. Plateauphase. Beide keuchen. Die Atmung beschleunigt sich weiterhin, ihre Herzschlagfrequenz ist fast doppelt so hoch wie im Normalzustand – dann mehrere Muskelkontraktionen im Unterleib. Seine Ejakulation. Orgasmus. Sie bleiben noch eine Weile so liegen, dann stehen sie auf, entfernen die Kabel von ihren Körpern und ziehen sich an. Beide lächeln. Rückbildungsphase.

Auf der anderen Seite des Einwegspiegels stehen Dr. William Masters und Virginia Johnson. Beide in weißem Kittel. Er trägt darunter Hemd und Fliege, sie ein schlichtes Kleid. Seine Gesichtszüge sind ernst. Der typische Wissenschaftler mit Halbglatze und fixiertem Blick. Sie hat braunes Haar, ihre Augen funkeln vor Begeisterung und Neugier.

Masters und Johnson begeben sich in das Nebenzimmer, schütteln den beiden Probanden die Hand. „Vielen Dank, dass sie an der Studie Teil genommen haben.“

Sex in den 50ern und 60ern

William Howell Masters war Gynäkologe an der Washington University, verheiratet und kinderlos als er sich 1954 für die Kinsey Reports interessierte und sie mit physiologischen Daten ergänzen wollte. Alfred Kinsey fasste in seinen zwei Reports Wissen zusammen, das er durch anonyme Interviews mit über 20.000 Amerikanern zu deren sexuellen Verhaltensweisen erfahren hatte. Allerdings galten diese Schriften als „Pornografische Inhalte“ und Masters durfte sie nicht einsehen.

Zu Beginn seiner Studie hielt sich Maters in Bordellen auf, beobachtete Prostituierte und Freier beim Sex, stoppte die Zeit, befragte und untersuchte die Prostituierten. Ein heikles Unterfangen in einer Zeit, in der man nicht nur seinen Ruf aufs Spiel setzte, wenn man sich auf diese Weise mit Sex beschäftigte. Damals wusste man kaum etwas über Sex, über die weibliche Sexualität noch viel weniger. Es herrschte der allgemeine Konsens, dass Frauen gar nicht in der Lage seien, ein eigenes sexuelles Begehren zu entwickeln.

Virginia Johnson war der lebende Gegenbeweis. Masters stellte sie Ender der 50er Jahre als seine Sekretärin ein. Doch bald schon entwickelte sich die unstudierte, bereits geschiedene und alleinerziehende Mutter zweier Kinder zu seiner Geschäfts- und später Lebenspartnerin.  Virginia Johnson war ein Männermagnet, sich über ihre Sexualität vollkommen bewusst, hatte das Einfühlungsvermögen, das Masters nicht aufbringen konnte und brannte für die Studie.

Mit der Möglichkeit ein geheimes Labor in der Washington University für die Studie zu beziehen, konnten Masters und Johnson nun auch auf Probanden der mittelständischen amerikanischen Bevölkerung zugreifen. In den 60ern gründeten sie ihre eigene Praxis und waren nach der Veröffentlichung von „Human sexual Response“ 1966 in der breiten Bevölkerung bekannt. Sogar Playboy-Gründer Hugh Hefner unterstützte die Studie finanziell. Während ihrer kompletten Forschungszeit, die bis zu ihrer Scheidung 1993 andauerte, beobachteten Maters und Johnson 382 Frauen und 312 Männer bei Geschlechtsverkehr oder Masturbation. Hauptsächlich waren dies verheiratete, heterosexuelle Paare, aber auch Einzelpersonen, die sich zuvor nicht kannten, oder homosexuelle Paare wurden untersucht.

Ein maßgeblicher Anteil von dem, was heute über Sex, sexuelle Dysfunktionen, den Orgasmus und sexuelle Reaktionen des Körpers bekannt ist, wurde von Maters und Johnson geprägt.

Sex 2016

Wie sieht es heute aus? Wissen über Sex ist heute viel einfacher zu erlangen, als es noch in den 50ern der Fall war, doch so wirklich salonfähig ist Sex immer noch nicht. Sex sells – weil er im allgemeinen Konsens eben noch irgendwie verboten, schmutzig und gefährlich  – also spannend – ist. Das ist wohl der zentrale Grund, warum selbst heute eine Geschichte wie Fifty Shades of Grey so gehypt wird. Wahrscheinlich steckt Voyeurismus dahinter, wie bei einem Autounfall oder Pornografie. Die eigentlich natürlichste Sache der Welt –Sex – wird zu etwas, das geheim gehalten wird. Sexuelle Erlebnisse teilt man bestenfalls mit engen Freunden nach dem dritten Glas Rotwein.

Und wahrscheinlich wäre dieser Fakt anders – Sex so etwas wie Fahrrad fahren oder Fallschirm springen – wenn das Wissen über Sex aus wirklicher Literatur, anstatt aus Pornos oder Ratgeberzteitschriften wie Brigitte, Men’s Health und Bravo bezogen würde.

In diesem Sinne, let’s talk about sex.

Von Kim von Ciriacy

Bildnachweis: Stas Svechnikov

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