Stiller Hunger, Brot für die Welt, Mangelernährung

Satt ist nicht genug: Wie stiller Hunger Millionen Frauen krank macht

Es hungern heute weniger Menschen als noch vor zehn Jahren. Das ist gut. Trotzdem erschrecken einen die absoluten Zahlen zum Welthunger: Das World Food Programme spricht von 795 Millionen Menschen, die an Hunger leiden. Das ist jeder neunte Mensch auf der Erde. Doch es gibt nicht nur Hunger. Ähnlich schlimm in seinen Folgen ist chronische Mangelernährung. Und hier zeigt sich ein dramatische Phänomen: Betroffen sind zu 75% Frauen. 

Über zwei Milliarden Menschen leiden weltweit an Mangelernährung. Dass etwa drei Viertel davon Frauen und Mädchen sind, ergab eine aktuelle Studie des evangelischen Entwicklungsdienstes Brot für die Welt. Grund seien vor allem die gesellschaftlichen Strukturen in den betroffenen Entwicklungsländern. Wo Frauen in der Familie, aber auch im Arbeitsverhältnis benachteiligt werden, drohen Gesundheitsrisiken bis hin zum Tod.

Existenzielle Armut und Hungerleiden in Ländern der Dritten Welt stehen seit Jahrzehnten im öffentlichen Fokus. Die Problematik der Mangelernährung, auch “stiller Hunger” genannt, wird dabei häufig übergangen. Das Fehlen von lebenswichtigen Mikronährstoffen, wie Eisen, Jod und Vitamin A, betrifft vor allem Frauen.

Nur satt ist nicht genug

Zu erklären sei dies durch traditionelle Geschlechterrollen, Frauen als Haushälterinnen und Mütter, Männer als Arbeiter und Brotverdiener. Am Esstisch bedienen sich die Herren zuerst, dann die Jungen und Kleinkinder, Mädchen und Frauen zuletzt. Dies beruhe auf dem Irrglauben, Frauen bräuchten weniger Nahrung.

“Das ist unter Umständen eine lebensgefährliche Leugnung der Tatsachen”, so Cornelia Füllkrug-Weitzel, Präsidentin von Brot für die Welt. “Besonders in armen Gesellschaften des Südens arbeiten Frauen körperlich häufig härter als Männer.” In finanziell belasteten Haushalten blieben dabei nur einseitige Essensreste. Mais, Maniok und polierter Reis seien die Hauptnahrungsmittel und für eine ausgewogene Ernährung bei weitem nicht ausreichend.

Laut der Food and Agriculture Organisation (FAO) der Vereinten Nationen benötigt ein erwachsener Mann zur Aufrechterhaltung der Lebensfunktionen etwa elf Gramm Eisen am Tag. Bei Frauen liegt der Bedarf bei mehr als der doppelten Menge, Schwangere und Stillende sollten fast das Neunfache zu sich nehmen. Ist dies nicht gewährleistet, kommt es zu Blutarmut, der sogenannten Anämie, mit erheblichen Folgen.

Mängel fordern Todesopfer

Eisen bindet Sauerstoffmoleküle an den roten Blutfarbstoff Hämoglobin und versorgt auf diesem Weg Gewebe und Organe. Bei einer Mangelzufuhr gerät der Körper schnell an seine Belastungsgrenze. Anämie sei die Ursache für jeden fünften Todesfall während einer Schwangerschaft oder Geburt. Es wird geschätzt, dass in Entwicklungsländern jede zweite schwangere Frau von Eisenmangel betroffen ist. Auch das Immunsystem leidet und ist anfällig für Erkrankungen wie das HI-Virus.

Die systematische Benachteiligung von Mädchen und Frauen beginnt oft in der Familie und setzt sich auf wirtschaftlicher Ebene fort. Obwohl der Weltagrarbericht von einer Feminisierung der Landwirtschaft spricht, sind Kleinbäuerinnen seltener legal angestellt, gelten in vielen Ländern als nicht kreditwürdig und erhalten keinen Zugang zu landwirtschaftlicher Beratung.

Gleichberechtigung als Rezept gegen Mangelernährung

“Wir brauchen im Kampf gegen Hunger und Mangelernährung Geschlechtergerechtigkeit“, sagt Cornelia Füllkrug-Weitzel, “Technische Lösungen, wie Vitamin-Zusätze im Trinkwasser oder ähnliches, die die Wirtschaft und manche von ihr beeindruckten Regierungen anbieten, werden das Problem ungerechter Zugänge zu Nahrungsmitteln nicht lösen.” Nur durch das Bekämpfen von Frauenarmut und das Stärken ihrer Rechte auf Bildung, Arbeit und Gesundheit ließen sich die Voraussetzungen für langfristigen Fortschritt schaffen.

(dka)

Bildnachweis: https://unsplash.com/

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