Nachrichten-Alzheimer: Über die Vergesslichkeit westlicher Medien

Der Gaza-Krieg vergangenen Sommer, der Überfall auf das syrische Kobane, der Ausbruch des Ebola-Virus in Afrika: Diese Ereignisse haben Menschen rund um den Globus bewegt. Die Anteilnahme war groß. Hilfe wurde versprochen. Doch kaum war das Schlimmste überstanden, schwand das Interesse. Bis es irgendwann seinen Nullpunkt erreichte.

Der deutsche Psychiater Alois Alzheimer diagnostizierte Anfang des 20. Jahrhunderts erstmals ein Krankheitsbild, das er als die Krankheit des Vergessens beschrieb. Wir berichten heute über ein ähnliches Krankheitsbild, dass die Nachrichtenmedien befallen hat – möglicherweis ausgelöst durch einen Virus namens Internet, der zu akutem Aktualitätszwang führt.

Die Krankheit des Vergessens

Als sich im September 2014 Kämpfer des Islamischen Staates Kobane näherten, schaute die ganze Welt auf die syrische Grenzstadt. Im Minutentakt gab es neue Meldungen. Man bewunderte den kurdischen Widerstand. Plötzlich wandelte sich das Bild der kurdischen Arbeiterparteien – der PKK in der Türkei und der PYD in Syrien. Aus einstigen Terroristen wurden unerschrockene Freiheitskämpfer. Die Bilder von bewaffneten Zivilisten, die für ihre Heimat kämpfen gingen um die Welt.

Am 26. Januar war es dann soweit. Der Vorsitzende der Kurdischen Demokratischen Partei, Hemin Hawarani, twitterte, die Stadt sei frei von IS-Terroristen. Die Bewohner Kobanes – unterstützt durch Luftangriffe der USA und einer Allianz aus arabischen Staaten – hatten das unmögliche geschafft. Erneut war die Solidarität groß. Ebenso die Bewunderung für den Mut der Kurden, die dort gekämpft haben.

Probleme lösen sich nicht, nur weil wir aufhören darüber zu sprechen

Und heute? Vier Monate später existiert Kobane durch die Brille der westlichen Medien nicht mehr. Kein einziges Wort. Als seien die Probleme der Stadt mit dem Ende der Kämpfe verflogen. Nicht einmal die Vereinten Nationen wollten auf Einladung des Kantonspräsidenten, Enver Muslim, eine Delegation entsenden.

Anderer Schauplatz, gleiches Phänomen: Der jüngste Gaza-Krieg im Sommer letzten Jahres. In nur 48 Tagen machte die israelische Armee die palästinensische Gaza-Stadt quasi dem Erdboden gleich. Tausende starben, verloren Familie und Freunde, ihr Dach über dem Kopf. Erneut, Solidarität mit den Opfern. Hilfe wurde zugesichert. Doch erneut nur leere Versprechungen. Der Krieg war vorbei, die Kamerateams zogen ab und das Interesse in der westlichen Welt sank von Tag zu Tag.

Betrachtet man die diese Katastrophen also aus rein medialer Berichterstattung, so gewinnt man den Eindruck, als seien die Probleme der Menschen vom einen auf den anderen Tag verschwunden. Dies ist aber – wie man sich an fünf Fingern abzählen kann – nicht der Fall.

Sicherlich, die Erleichterung ist erst einmal groß, wenn das schlimmste überstanden ist, die Kämpfe vorüber sind und das Blutvergießen ein Ende hat. Doch der größte Teil des Weges in ein normales Leben steht den Menschen noch bevor: der Wiederaufbau. Und dieser wird ähnlich steinig wie die Kämpfe selbst.

Der Hochfrequenzhandel mit Nachrichten macht Journalisten überflüssig

Die Frage, die man sich als Journalist nun stellen muss ist, wie man dieser temporären Berichterstattung entgegen wirken kann. Vermutlich gar nicht. Menschen gieren nach Sensationen. Und so hart es klingen mag: Kriege sind sensationell. Sie erzeugen Aufmerksamkeit und wecken Interesse. Menschen, die zerstörte Gebiete wieder aufbauen hingegen nicht. Die Sensation von gestern ist schon morgen vielleicht nur noch eine Fußnote. Ersetzt von dem nächstbesten Ereignis. Sei es positiver oder negativer Natur.

Das Gesetz der Aktualität gehört zum Nachrichtengeschäft. Nichts ist so alt, wie die Zeitung von gestern, so sagt man gerne. Doch man gewinnt den Eindruck, dass sich durch den Aufstieg des World Wide Web zum Leitmedium dieser Aktualitätsdruck pervertiert. Das Nachrichtengeschäft ähnelt heute dem Hochfrequenzhandel an der Börse: Je heißer die Meldung, desto schneller wird sie veröffentlicht. Der eigentliche Job des Journalisten aber – Fakten zu sammeln, gegeneinander abzuwägen und eine komprimierte Perspektive auf die Welt zu liefern – geht dabei verloren.

Man wird sehen, wie sich dieser Trend in den nächsten Jahren entwickelt. Sollte er sich verstärken, kann man mit Recht fragen, wozu man eigentlich noch Journalisten braucht. Aber vielleicht kommt auch eine natürlich Gegenbewegung von Seiten der Nachrichtenkonsumenten, die erkennen, dass man die Welt nicht allein in Form von Headlines und Listicles verstehen kann.

Von Maximilian Haag

Bildnachweis: Sascha Kohlmann

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