Kurdistan. Ein Volk ohne Land

Kurdinnen: Sterben auf Augenhöhe, doch im Leben unterdrückt

In Vorderasien führen die Kurden erst seit kurzer Zeit Gefechte gegen den Islamischen Staat (IS), wenn man das mit dem schier ewigen Kampf vergleicht, den sie für die Gründung ihres eigenen Landes Kurdistan führen. Die bekanntesten Kampfeinheiten, die dieses Ziel verfolgen, entstammen der Arbeiterpartei Kurdistans, der PKK. Gleichberechtigte Mitglieder dort sind Frauen, die sich für die Freiheit aller auch von Bergen stürzen. Ironie, was ihnen in heimischen Dorfstraßen droht, wenn sie „falsche“ Entscheidungen treffen.

Es war ein Gerücht, das der Frau das Leben kostete. Als ihr Mann das kleine Dorf Yarımca für einige Wochen verließ, irgendwo in Südostanatolien, zwischen den Städten und kurdischen Bastionen Gaziantep und Şanlıurfa, entstand das Gerücht, dass sie eine Affäre hätte. Mir wem und ob es stimmte? Vollkommen unerheblich. Es reichte aus, dass die Bewohner des Dorfes es in stiller Post weitertrugen und ihr Schwager davon erfuhr, der Mann ihrer Schwester.

Kurze Zeit später, gemeinsam mit einem Bekannten, packte er die Frau auf seinen Traktor und sie fuhren zum Feld. Dort fesselten sie beide, legten sie auf den Acker und starteten den Motor. Später sollten sie es einen Arbeitsunfall nennen, alle im Dorf. Obwohl auch alle im Dorf Bescheid wussten. Dass es Mord war. An einer Frau, die sich weder physisch noch in ihrer Rolle als Frau hätte wehren können. Sie musste ein Gerücht als ihr Schicksal akzeptieren, das einem Todesurteil gleichkam: Überfahren von einem Traktor; ein zerstörtes Leben und ein zerstörter Leichnam, in einem Akt von Selbstjustiz.

Der zurückkehrende Ehemann, heiratete wieder. Ganz so, als sei es selbstverständlich seine Frau ermordet zu sehen. Und die Gebliebene, einfach ihrer Schwester beraubt, sollte ihrem Mann garantieren, dass sie ihm seine Tat nie verzeihen würde. Aber auch sie blieb und schenkte ihm viele Kinder. Dem Vater, dem Mörder.

Was sich in vielen kurdischen Dörfern in der Türkei ereignet, klingt wie aus einer mittelalterlichen Zeit, die die Welt längst hätte abstreifen müssen. Das Frauen dort noch zum Inventar des Hauses gehören und nicht hinaus gehen, bis der Mann heimkommt und ihnen ausdrückliche Erlaubnis gibt, erscheint noch harmlos, wenn auf der anderen Seite Zwangsverheiratung und Mord stehen, der selten verfolgt wird und in der Gemeinschaft als akzeptiert gilt. Ein Kurde in Berlin, selbst aus einem kleinen Dorf in Anatolien, versuchte den Vergleich einfach zu halten: „Wenn die Türken in der Türkei in ihrer Aufklärung, noch fünfzig Jahre hinter dem Westen sind, dann kann man darauf für die Kurden noch einmal hundert Jahre packen.“

Die Gemeinschaft ist es auch, die die Traditionen so stark verwurzelt mit dem Leben dieser Menschen. In ihr findet sich wieder, was in Deutschland im Sinne der Gewaltenteilung durch Staatsorgane übernommen wurde. Wächter und Polizisten, Richter und Henker, Aufgaben die von Männern des Dorfes übernommen werden und das keineswegs schlecht organisiert oder stümperhaft. Im Gegenteil, als aus einer Kleinstadt ein Junge und ein Mädchen gemeinsam fliehen, weil sie sich trotz ihrer Liebe nicht heiraten dürfen, wurden in kürzester Zeit Gruppen organisiert, um sie in der nächsten Umgebung und den anliegenden Städten zu suchen. Auch wer an Verwandten dort war, wurde in den Suchtrupp eingegliedert.

Die beiden hatten sich in Gaziantep versteckt, Schutz in der angenommenen Anonymität der Großstadt gesucht. Gefunden wurden sie dennoch, dem Mädchen kostete der Wunsch nach Freiheit ihr Leben.

Auch Ehebruch wird noch mit dem Tode bestraft. Selbst dort, wo die strengen Traditionen aufgeweicht sind – die ihren Ursprung auch in der Islamisierung haben -, wie in den Großstädten oder den westlichen Regionen des Landes, und wo vor der Ehe auch Beziehungen geführt werden, gilt für den Mann durch die Frau betrogen zu werden als Schmach, die den Mord der Frau zur Folge haben muss, zumindest sollte. Und sollte der Betrogene es nicht selbst tun, findet sich schnell ein anderer aus der Familie, der es als seine Aufgabe erachtet.

Die Frau soll vor allem für den traditionellen kurdischen Mann eine Hausfrau sein, die ihren Kopf nie zu stolz trägt. Die Kinder gebärt, das Essen kocht und kein Wort über die Lippen bringt, sollte er die Nacht in einem Männercafé durchbringen. Und seit einigen Jahrzehnten, soll sie noch mehr. Denn ungeachtet all dessen, sind die Kurden auch noch immer eines: staatenlos.

Gegen diesen Zustand kämpfen sie, Männer und Frauen. Dagegen, dass kein Land Gebiet freigeben möchte, um einen Staat zu schaffen, von geschätzten 409.000 km² (zum Vergleich: Deutschland, ca. 350.000 km²). Den Wunsch nach Kurdistan konnten sie nicht ausrotten, die Regierungen und Entscheidungsträger, der betroffenen Länder. Nicht mit Massakern, dem Abschlachten ganzer Dörfer, nicht mit Giftgasangriffen und Folter und auch nicht mit dem Ignorieren des Problems, indem die Existenz eines kurdischen Volkes gänzlich bestritten wurde.

Der Kampf, den die Kurden der Türkei, Syriens, des Irak und Irans bis heute führen, ist kein geeinter. Zwei Sprachbarrieren hindern sie an einer gut abgestimmten Kommunikation. Die Türkisch sprechenden Kurden, können sich nicht mit den Arabisch sprechenden verständigen und auch ihr Kurdisch ist in vier große Dialekte unterteilt, die ein gegenseitiges Verständigen erschweren. In der Türkei und über seine Grenzen hinweg, ist es die PKK, der es unter seinem Gründer, Abdullah Öcalan, gelang, das kurdische Volk erneut für die Idee eines eigenen Staates zu mobilisieren. Und Öcalan, von seinen Anhängern Apo (Onkel) genannt, trat nicht nur für die gleichberechtigte Anerkennung eines Landes Kurdistan ein, sondern auch für die der kurdischen Frauen.

In seiner Organisation, die sich bewaffnet gegen die Angriffe des türkischen Militärs stellte, begegnen sich Frauen und Männer auf Augenhöhe. In den Bergzügen Südostanatoliens leben und sterben sie gemeinsam. Inoffiziell wird, wer einmal beigetreten ist, die Kampfeinheiten nicht mehr lebend verlassen dürfen. Das Leben ist entbehrlich, die erste Welle an Frauen kam, um sich vor den Vergewaltigungen durch die türkischen Soldaten zu schützen. Damals, als die kriegsgleiche Situation alltäglich war, warfen sich die Kämpferinnen, sollten sie drohen in die Gefangenschaft des türkischen Militärs zu geraten, von den Bergen hinab. Der Selbstmord wurde zur Flucht vor Folterung und Vergewaltigungen, womit sie nicht nur sich, sondern auch die anderen der Gemeinschaft schützen wollten. Die Kämpferinnen zu Hause, das waren die Frauen im Dorf, die aufgerufen wurden Kinder zu kriegen, für die PKK.

In den vergangenen Jahren ist die militärische Gewalt abgeebbt. Seit Öcalan 1999 festgenommen und später verurteilt wurde, erst zum Tode, dann umgewandelt in eine lebenslängliche Haftstraft, tritt er für eine friedvolle Lösung des Problems ein. Für die Kurden im Allgemeinen, hat sich einiges zum Besseren gewandelt, wenn auch nicht alles. Seit den 1990ern ist es ihnen nicht mehr verboten ihre Sprache zu sprechen, ihre Existenz wird inzwischen offiziell anerkannt – auch wenn viele Türken dies noch immer verneinen. Die abwertende Begrifflichkeit der „Bergtürken“, ist nicht verschwunden, wenngleich eine pro-kurdische Partei, die HDP, heute Regierungsmitglieder stellt.

Für die kurdischen Frauen im Speziellen hat sich letztlich wenig verbessert. Noch immer nehmen sich die Väter die Freiheit heraus, zu entscheiden, ob ihre Töchter noch nach der Grundschule weiterlernen dürfen. Und verheiraten sie an Cousins, die sie mitunter noch nie gesehen haben.

Ein kurdisches Mädchen von 16 Jahren wurde mit einem Cousin verheiratet, der selbst in Berlin lebte. Ohne ihn je getroffen zu haben, auch die Heirat fand ohne ihn statt, wartete sie eineinhalb Jahre, bis sie zu ihm nach Berlin fliegen konnte. Er war ihr auf keinem Foto gezeigt worden, lediglich dass er Ibrahim hieß, das wusste sie. Am Flughafen in Berlin angekommen, holten sie ein Mann und sein Begleiter ab, beide stellten sich als Ibrahim vor. Die kurdische Tradition verbat es dem Ibrahim, der ihr Mann war, sich emotional bei ihr vorzustellen, erst später erfuhr sie es. Und musste feststellen, dass es der weitaus ältere Herr war.

Von Safia Ziani

Bildnachweis: „Kurdistan1“. Lizenziert unter CC BY-SA 2.5 über Wikimedia Commons (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Kurdistan1.jpg#/media/File:Kurdistan1.jpg)

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