Künstliche Intelligenz: Verliebt in mein Betriebssystem

Manche sind groß, andere klein. Es gibt sie in allen Variationen zwischen extrem dick und extrem dünn. Viele haben Haare, manche aber auch nicht. Sie atmen und der Großteil kann reden. Hin und wieder sagt einer mal etwas Intelligentes. Wenn sie Glück haben, werden sie alt und runzelig. Die meisten haben zwei Arme und zwei Beine, das ist allerdings kein Muss. Einen Kopf hat jeder von ihnen. Manch einer benutzt ihn auch. Wir sprechen über den Mensch, lateinisch homo sapiens, ein Lebewesen, das zur Unterordnung der Trockennasenaffen gehört.

Menschen lieben Menschen, das liegt in der Natur der Sache. Doch wenigstens im Film kann man sich auch etwas anderes vorstellen. Spike Jonze durchdenkt diesen Fall in seinem Film Her, der 2013 in die Kinos kam. Eigentlich ist Her eine dramatische Liebesgeschichte, wie jede andere auch, doch ist SIE diesmal kein Mensch, sondern ein Betriebssystem, allein bestehend aus künstlicher Intelligenz, einer schönen Frauenstimme und dem Namen Samantha. Genug, dass ER sich in Sie verliebt.

Wie real ist ein solches Gedankenexperiment? Im April kam in Deutschland die Apple Watch auf den Markt und täglich wird an technischen Innovationen herumgebastelt. Wir leben in einer Zeit des Fortschritts. Fortschritt, ein Wort, das meist positiv belegt ist. Doch wie viel Fortschritt ist gut? Schon heute können wir in Internetforen Skat gegen ein programmiertes System spielen und auch in der Automobilindustrie oder Medizin werden Roboter eingesetzt. Mit unserem Smartphone können wir sprechen und bekommen dank Siri eine nette, hilfreiche oder lustige Antwort. Noch sind wir uns alle bewusst, dass Siri eine Software ist, kein Vergleich zu einem Menschen aus Haut und Knochen.

Wohin führt der ganze Fortschritt?

Doch, wie weit werden wir für den Fortschritt noch gehen? Und vor allem: Wo führt uns dieser hin? Ist künstliche Intelligenz unser Gesprächspartner von morgen? Unser Freund, Geliebter oder Geliebte von Übermorgen?

Der Begriff künstliche Intelligenz wurde erstmals 1955 von dem US-amerikanischen Informatiker und Erfinder der Programmiersprache LISP, John McCarthy verwendet. Das gesamte, sich um künstliche Intelligenz drehende Forschungsgebiet befasst sich damit, menschliche Wahrnehmung und menschliches Handeln durch eine Maschine nachzubilden. Ein Grundproblem besteht darin, dass die Komplexität des menschlichen Handelns auch für die Wissenschaft noch nicht greifbar ist.

„Momentan ist es ja so, dass verschiedene Smartphones und Apps schon Sprachassistenten eingebaut haben. Bei Apple und Microsoft ist es sogar so, dass diese in der Lage sind zu antworten und man mit ihnen über alltägliche Dinge reden kann. Das ist zwar noch weit von künstlicher Intelligenz entfernt, doch ein erster Schritt ist getan. Nämlich, die menschliche Sprache zu verstehen. Dementsprechend denke ich, dass es in Zukunft noch schlauere Computer geben wird, welche dem Menschen irgendwann künstliche Intelligenz vorgaukeln. Ich bin mir nicht sicher, ob man es wirklich schaffen wird künstliche Intelligenz zu erschaffen.“, sagt App-Entwickler und Geschäftsführer von Sn0wfreeze Development, Alexander Heinrich, auf die Frage, ob künstliche Intelligenz die Zukunft für technische Innovationen sei.

Deep Blue 1996: Schach dem Weltmeister

Doch die Medaille hat zwei Seiten. Schon 1996 gab es einen ersten großen Erfolg auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz, als ein Computer namens Deep Blue über den damals amtierenden Schachweltmeister Garri Kasparow siegte. 2011 besiegte das Computerprogramm Watson zwei erfolgreiche Sieger der TV-Quizsendung Jeopardy. Und heute, 2015, ist man noch weiter, während auf der anderen Seite Technik immer tiefer unseren Alltag durchdringt.

2015 besitzt in Deutschland jeder Zweite ein Smartphone – was nicht anderes ist als ein leistungsfähiger Computer, mit dem man telefonieren kann. Werfen wir einen Blick auf die jüngeren Generationen, sind die Zahlen noch beeindruckender: 90% der 18jährigen sind mit iPhone, Galaxy & Co. Unterwegs. Flirting-Dienste wie Tinder nutzt davon so gut wie jeder zweite. Da liegt es doch eigentlich nahe, sich, wenn der technische Fortschritt es irgendwann erlaubt, direkt in sein Betriebssystem zu verlieben oder zumindest eine feste Freundschaft damit einzugehen.
Verliebt in ein Betriebssystem: Geht das?

Noch gilt: Damit wir uns in Jemanden verlieben oder eine freundschaftliche Bindung aufbauen, muss dieser Jemand eine Person sein. Und Personen sind, vom heutigen Standpunkt aus gesehen, immer Menschen. Doch was macht einen Menschen aus? Was nennen wir menschlich? Einige Statements von Betroffenen, von Menschen auf der Straße:

„Erst mal würde ich sagen, ein Mensch ist ein Lebewesen. Ein Säugetier, das aufrecht gehen kann und einen eigenen freien Willen hat. Also selbst über richtig oder falsch entscheiden kann.“
„Mitgefühl macht einen Menschen aus.“
„Einen Menschen macht aus, dass ich seine Handlungen nicht vorhersehen kann. Dass er auch mal irrational handelt. Und, dass er immer dazu lernt.“
„Ein Mensch ist ein Mensch, ab dem Zeitpunkt, ab dem sein Herz zu schlagen beginnt.“
„Gefühle zu haben. Zwischenmenschlichkeit, Liebe.“
„Ich glaube da kommt Vieles zusammen! Was einen Menschen von anderen Lebewesen unterscheidet ist, dass er viel nachdenkt, erforscht, Werte hat und diese einhält! Was für mich eine Person menschlich macht, ist wenn sie Fehler begeht und daraus lernt, also nicht perfekt ist.“

Auf die Frage, was einen Menschen zum Menschen macht, gibt es also viele Antworten. Merkmale wie ein Herzschlag, aufrechter Gang oder ein eigener freier Wille werden genauso genannt, wie zwischenmenschliche Gefühle und Wertvorstellungen. Es gibt viele verschiedene Sichtweisen, wie man auf diese Frage blicken kann – und alle sind sie richtig. Aber was noch viel bedeutender ist: Die eine und einzige, alles umfassende Antwort auf diese Frage, die gibt es nicht!

Was hält also ein Betriebssystem davon ab, zu etwas Menschlichem zu werden? Vielleicht sogar zu einem Menschen zu werden? Und was hält uns davon ab, uns in so etwas zu verlieben, wenn es doch menschliche Werte wie Mitgefühl mit sich bringt und wir uns mit ihm auf einer Wellenlänge fühlen? Wenn es auch immer mehr dazu lernt, sich entwickelt, Humor hat und uns schlicht und einfach versteht? Was ist es denn, in das wir uns verlieben?

„Das erste was man von einem Menschen sieht, ist ja das Äußere. Und ich glaube in 95% der Fälle entscheidet erst mal das Äußere, ob man eine Person anspricht bzw. angesprochen werden will. Ich verliebe mich eigentlich in das Gesamtpaket.“
„Verlieben tue ich mich in bestimme Charakterzüge.“
„Ich verliebe mich in die Art eines Menschen. Natürlich können ein schönes Lächeln und ein super Körperbau ein Pluspunkt sein, aber wenn ich wirklich verliebt bin, kann ich mich gar nicht an die Einzelheiten des Aussehens erinnern. Ich erinner mich dann an ein Gefühl.“
„Die Person muss mir sympathisch sein, die Chemie eben stimmen. Man sollte sich gut unterhalten können. Und natürlich muss ich sie irgendwo auch ansprechend finden, das bleibt nicht aus.“
„Ich denke, in was ich mich verliebe ist, wie er mich behandelt, wie er mich anschaut, wohin er mich ausführt. Wie er mich zum Lachen bringt!“

Die meisten der genannten Merkmale, damit wir uns verlieben, finden also auf einer psychischen, nicht körperlichen Ebene statt. Niemand verliebt sich in eine andere Person, nur weil diese gut im Bett ist. Brauchen wir dann wirklich ein greifbares Gegenüber, um uns zu verlieben oder kann eine Stimme auch ausreichen? Auf die Frage, ob er oder sie sich in eine künstliche Intelligenz verlieben könnte, wie es im Film Her passiert, habe ich sehr unterschiedliche Antworten bekommen.

„Tendenziell denke ich, dass es funktioniert, wenn die Stimme mich versteht, mir Ratschläge gibt – so wie mit Freunden. Dass man zusammen lachen und weinen kann.“
„Nein, ich könnte mich nicht in eine virtuelle Stimme verlieben. Mir würde das Körperliche fehlen. Nicht unbedingt nur der Sex, aber ich brauche es, dass er mich in den Arm nimmt, wenn es mir nicht gut geht. Die Nähe, diese Wärme kann dir keine Stimme geben.“
„Ich glaube nicht, dass das möglich ist. Klar könnte man gute Unterhaltungen führen, aber für mich ist es doch auch wichtig eine Person vor mir zu haben, der ich in die Augen schauen kann. Das gefällt mir schon immer nicht am Telefon…“
„Ich glaube das kann passieren, obwohl der Verstand sagt, dass es nicht geht. Aber es könnte sein, dass die Gefühle mich rum kriegen. Wenn die Unterhaltung intensiver ist als mit jedem anderen Menschen.“
„Man könnte vielleicht eine Sehnsucht entwickeln. Eine Idealvorstellung bekommen. Aber so Jemand ist ja nicht greifbar. Er kann dir nicht mal die Socken ausziehen. Eine Freundschaft wäre aber bestimmt möglich.“

Die Meinungen zu dieser Frage gehen weit auseinander. Man kann sich ausmalen, dass sie nochmal anders ausfallen würden, wenn dieses ganze Gedankenkonstrukt nicht nur hypothetisch wäre. Doch allein auf Grund der Tatsache, dass schon heute Einige von uns sagen, dass sie sich durchaus vorstellen könnten für ein Betriebssystem wirkliche Liebe zu empfinden, stellt sich die Frage: Wäre es schlecht, wenn wir nicht nur natürliche Menschen, sondern auch künstliche Menschen lieben? Oder ist die Liebe gut, egal wo man sie findet?

„Angenommen wir haben ein System entwickelt, welches sich menschlich verhält und so lernt und denkt wie wir, so denke ich, dass es auf jeden Fall auch möglich ist, dass Menschen zu diesem System Freundschaften aufbauen oder sich sogar verlieben. Doch jetzt wird es knifflig: Ein Mensch kann Liebe oder zumindest Anziehung empfinden. Kann eine Maschine das auch?“, sagt App-Entwickler Alexander Heinrich.

Zunehmend bestärkt sich der Zweifel, dass das Schwärmen für eine auf künstlicher Intelligenz basierender Stimme richtig sein kann. Viel zu unübersichtlich ist ihr Potenzial. Spätestens an diesem Punkt wird unser Fortschritt zum Rückschritt. Und wir sollten vielleicht schon heute darüber nachdenken, ob es wirklich der richtige Weg ist, immer weiter und weiter zu forschen, oder ob manche Dinge besser unentdeckt bleiben.

Von Kim von Ciriacy

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