Klappe zu, Kolumbus tot. Wäre die Welt ohne Amerika besser?

2. August 1492, Hafen Palos de Moguer, nahe der südspanischen Stadt Huelva. Ein Mann steht am Pier. Er schaut in die Ferne. Die Nacht ist lau, das Wasser seicht. Er trägt einen Hut, schwarzen Mantel und Stiefel. Für einen Moment schließt er die Augen, umfasst mit langen Fingern den Filz seines Mantels, hält sich daran fest und atmet tief ein. Er ist nervös.

In wenigen Stunden ist es so weit. Noch vor Sonnenaufgang wird sich die Crew auf den beiden Karavellen La Pinta, La Niña und dem Flaggschiff Santa María einfinden. Neunzig Männer unter seiner Führung. Der Plan: über den westlichen Seeweg nach Ostasien. Jahrelang hatte er die Seekarten, Logbücher und Papiere seines verstorbenen Schwiegervaters Bartolomeu Perestrelo studiert. Schriften von Aristoteles und Seneca hatten ihn geleitet – inspiriert. Anschließend dauerte es eine gefühlte Ewigkeit, Mittel für die Expedition aufzutreiben. Schließlich, die Zustimmung des spanischen Könighauses.

Noch immer steht Christoph Kolumbus am Pier, in Gedanken versunken. Unbemerkt nähern sich zwei Männer. Ihre Hosen voller Dreck, ihre Hemden zerrissen. In der Hand des Einen, ein Messer. Jetzt geht alles schnell. Eins, zwei, drei große Schritte, ein Schrei, ein Aufprall. Dann Stille. Kolumbus liegt am Boden, die Männer durchsuchen seine Taschen, ziehen ihm die Schuhe aus und sind so schnell verschwunden wie sie aufgetaucht sind.

So starb Christoph Kolumbus in der Nacht des 2. auf den 3. August 1492 im Dreck des Hafens Palos de Moguer, sein Schiff legte am 12. Oktober 1492 nicht vor der Küste Honduras an und Amerika blieb unentdeckt.

Eine Welt ohne Amerika

Heute vor 523 Jahren, am 12. Oktober 1492, entdeckte Kolumbus Amerika. Das glauben zumindest die meisten Menschen. Andere Quellen sagen, dass der Isländer Leif Eriksson Amerika schon 500 Jahre zuvor entdeckt hat. Eigentlich waren es jedoch die Vorfahren der Indianer, die von Asien aus kommend, den Kontinent besiedelten.

Doch lassen wir uns auf ein Gedankenexperiment ein. Christoph Kolumbus wird in der Nacht vor seiner Expedition umgebracht und Amerika niemals entdeckt. Wie würde eine Welt aussehen in der der Kontinent Amerika und im speziellen die USA nicht existiert?

Die Krisen dieser Welt: Made in USA?

11. Oktober 2015, Berlin, Deutschland. Ich sitze auf meiner Couch, der Fernseher läuft. 20 Uhr – Tagesschau.

Das erste Thema: Der Anschlag auf die Friedensdemonstration in der türkischen Stadt Ankara. Ein möglicher Verantwortlicher ist der sogenannte Islamische Staat.

Ein weiterer Beitrag in der Tagesschau vom 11. Oktober: Russland unterstützt die syrische Armee mit Luftangriffen gegen den sogenannten Islamischen Staat.

Anschließend: Die Flüchtlingskrise in Europa.

Wie diese drei Beiträge zusammenhängen ist offensichtlich: der sogenannte Islamische Staat spielt in jedem Beitrag eine Rolle, wenn wir die Annahme vorausstellen, dass der IS auch den Anschlag in Ankara zu verantworten hat. Auch an der Flüchtlingskrise trägt der IS eine Mitschuld. Viele der Kriegsflüchtlinge stammen aus Syrien, wo der Bürgerkrieg nun schon seit fast fünf Jahren tobt. Der Grund, warum gerade nun so viele Menschen nach Europa fliehen, liegt neben steigender Hoffnungslosigkeit und der wachsender Gewalt des Assad-Regimes gegenüber Zivilisten wohl auch in der zunehmenden Terrorherrschaft des IS.

Trägt die USA Schuld an der wachsenden Macht des IS?

Beschränken wir uns in diesem Gedankenexperiment allein auf die USA. Würden die Nachrichten der Tagesschau vom 12. Oktober 2015 genauso aussehen, wenn Kolumbus 523 Jahre zuvor den Kontinent Amerika und somit auch die USA nie entdeckt hätte? Trägt die USA eine Mitschuld an der wachsenden Macht des IS und somit auch an den Ereignissen, die in der Tagesschau des 11. Oktober 2015 thematisiert werden?

2003 stürzten US-amerikanische Truppen den Premierminister des Iraks Saddam Hussein, lösten die Baath-Partei auf und stationierten eigene Truppen im Irak. Tausende ehemalige Soldaten, Führungskräfte und Beamte standen vor dem Nichts und fanden mit Abu Musab al-Zarqawi ein neues Oberhaupt. Die „Al-Qaida im Irak“ war geboren.

Aus ihr entstand 2008 der ISI, der sogenannte Islamische Staat im Irak. Der Irak wurde zum Anlaufpunkt für Dschihadisten aus aller Welt. 2013 expandierte der ISI nach Syrien, spaltete sich vollkommen von Al-Qaida ab und wurde zum ISIS (Islamischer Staat im Irak und Syrien). Mit dem Ausruf des Kalifats im Juni 2014 entstand der sogenannte Islamische Staat unter Abu Bakr al-Baghdadi.

Weil der IS zu Beginn von 2014 zunächst nur gegen die freie Syrische Armee und Kämpfer der Islamischen Front kämpft, schaut das Assad-Regime gelassen zu. Aber auch Europa und die USA zeigen keine Regung. Diese Ignoranz ermöglicht dem IS seine Macht noch weiter auszubauen.

So hat die USA nicht nur 2003 unter George W. Bush Nährboden für dschihadistische Ideologien im Irak geschaffen, sondern auch 2014 unter Barack Obama zusammen mit Europa dafür gesorgt, dass der IS seine Macht noch weiter ausbaut. Und vielleicht wäre es ohne diese immensen Fehlentscheidungen niemals zu dem Anschlag in Ankara, den extremen Verhältnissen in Syrien und der akuten Flüchtlingskrise gekommen.

Und vielleicht wäre zumindest an diesem Tag, am 12. Oktober 2015, die Welt ein kleines Bisschen friedlicher, wenn Christoph Kolumbus vor 523 Jahren Amerika nicht entdeckt hätte.

Von Kim von Ciriacy

Bildnachweis: „Statue of Liberty 1 New York“ von Christoph Radtke – Eigenes Werk. Lizenziert unter CC BY 3.0 über Wikimedia Commons – https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Statue_of_Liberty_1_New_York.JPG#/media/File:Statue_of_Liberty_1_New_York.JPG 

Das Bild wurde für die Verwendung auf Terminal Y beschnitten und mit einem Filter farblich verändert.

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