Ich will so bleiben wie ich bin. Gute Idee?

Die Modeindustrie richtet sich auf einen neuen Trend ein – Plus Size. Was nach einem neuen Lebensgefühl klingt, ist in Wahrheit jedoch oft ungesund und falsch. Denn es zählt nicht der Umgang mit einem Makel, sondern die schlichte Masse.

Mehr ist wohl doch mehr. So zumindest lautet das Motto der als Curvy Model bekannten Sarina Nowak. Die ehemalige Germanys Next Topmodel Kandidatin hat mehr als 25 Kilo zugenommen („es ist meine natürliche Figur“) und nun darüber sogar ein Buch geschrieben („Irgendwann habe ich erkannt, dass ich selbst entscheiden sollte, was meinem Körper gut tut“).

Mit Hüftgold lässt sich Kasse machen

Andere Frauen mit oder ohne Übergewicht bekommen in der Umkleidekabine schnell einen Nervenzusammenbruch. Nicht so Sarina. Ganz locker fordert sie bei Instagram: „Embrace your Curves“. Ob Marketingstrategie oder schicksalhafte Fügung bei Sarina, das Geschäft mit den Plus-size Models boomt. Neue Casting Shows, neue Produktlinien und eben auch Sarinas Buch. Mit Hüftgold lässt sich Kasse machen. Klingt eigentlich auch ganz logisch, da Lieschen Müller kaum über das Körperideal verfügt, welches Karl Lagerfeld ihr auf die Laufstege bringt.

Curvy Models suggerieren das neue Diversity Feeling – den Mut zur Vielfalt. Dabei beschränken sie sich eigentlich nur auf das Gewicht. Flacher Busen, große Nase oder ein viel zu breites Kreuz, findet man kaum und sind weiterhin unpopulär. Im Vordergrund der Curvy Model-Bewegung steht: Je mehr auf den Hüften, desto mehr zum „liebhaben“. Es geht nicht um das Motto: „Liebe deine Makel“.

Fraglich ist auch, dass bei dem neuen Trend zur „Selbstliebe“ kaum kommuniziert wird, dass erfolgreiche Plus-size Models wie Ashley Graham einen straffen Fitnessplan verfolgen und einen idealen Bodymaßindex (BMI) besitzen. Doch auch Graham verzerrt das Bild und fordert ihre Fans auf „Ich bin einfach ich selbst. Liebt euren Körper, in dem ihr steckt, Ladies!“

Ohne gleich in einen Bodyshaming-Shitstorm zu geraten: Übergewicht und Fettleibigkeit sind ein massives weltweites Problem. Bis 2025 soll es 2,7 Milliarden Übergewichtige geben. In Deutschland sind es jetzt sogar schon mehr als die Hälfte der erwachsenen Bundesbürger.

Die wenigsten haben von Geburt an eine schlechte Veranlagung. Die meisten Übergewichtigen essen das Falsche und haben so wie viele, einen Job, der wenig Bewegung zulässt. Hingegen ist eine schlechte Veranlagung ein tatsächlicher Makel.

Und genau dieses Problem bedienen die Curvy Models. Sie präsentieren sich im Mantel eines angeblichen Makels, der das verständliche Selbstwertproblem der Übergewichtigen bedient – jedoch gesundheitstechnische Aspekte außer Acht lässt.

Curvy ist nicht automatisch gleich gesund und sinnvoll

Als die übergewichtige Stefanie aus Texas intime Fotos von sich und ihrem Verlobten machen lässt und diese auch noch veröffentlicht, flippt das Internet völlig aus – und nein, nicht vor Diskriminierung, sondern vor Freude. Eine „wichtige Botschaft“ an das Netz sagen viele, und überhaupt, ein total „neuer Weg der Selbstakzeptanz“.

Seit der Veröffentlichung der Fotos ist Stefanies Selbstbewusstsein dermaßen gestärkt, dass sie nun auch anderen Frauen Mut machen möchte, die sich sonst dem gängigen Schönheitsideal zu unterwerfen scheinen.

Auch will sie nun die Tatsache akzeptieren, dass sie „immer Plus-size sein wird“. Wohlfühlen ist die eine Sache, aber Stefanies Akzeptanz ihres Körpers ist gleichzeitig auch das kampflose Aufgeben der eigenen Gesundheit. In ihren Statements findet sich kein Kommentar dazu, dass sie es jemals mit einer gesunden Ernährung versucht hat oder Sport getrieben hat.

Und jetzt nochmal für die Body-Positivity Bewegung: Jeder Mensch hat eine individuelle Körperform, die die Natur für ihn vorgesehen hat, mit reichlich Spielraum für Veränderung – doch Stefanie hat nicht verstanden, dass ihre Figur nicht natürlich individuell ist, sondern ungesund. Es ist klar, dass sie sich nicht wohlfühlt, wenn jeder Schritt auf das Kreuz geht. Ich finde es schön, wenn Menschen trotz der negativen Lebensumstände die sie haben, positiv bleiben – jedoch sollte die soziale Vorbildsfunktion nicht außer Acht gelassen werden.

Daher sind auch immer mehr Kinder betroffen, deren Eltern als Wegweiser in der Ernährung versagt haben. Der bekannte Arzt und Wissenschaftsjournalist Eckart von Hirschhausen mahnt: „Gesundheit ist ein Mix aus Eigenverantwortung, Aufklärung und gesellschaftlichen Regeln. Deshalb ist es höchste Zeit für eine wirksame Zuckersteuer, konsequente Werbeverbote und eine sinnliche und humorvolle Vermittlung von Gesundheitskompetenz in den Schulen“.

Wie wichtig das Gewicht in Bezug auf die Gesundheit ist, zeigt der Fall der übergewichtigen Kristina aus Hamburg. Der 20-Jährigen wurde ein Magenbypass gelegt und zwar auf Kosten der Krankenkasse. Die Kosten für so eine Operation sind immens. Doch das finanzielle Risiko war der Krankenkasse zu hoch. Kristina könnte mit hoher Wahrscheinlichkeit durch ihr Übergewicht an Diabetes erkranken, gleichzeitig Krebsarten fördern und jahrelang sich in eine orthopädische Behandlung begeben, da ihre Gelenke unter den Körpermassen verschleißen. Lieber „jetzt investieren und später sparen“ – so das Motto der Krankenkasse.

Was bringt es jungen Frauen wie Kristina, sich wohler in ihrer Haut zu fühlen, dank den Curvy Models oder Frauen wie Stefanie aus Texas– wenn am Ende ihre Gesundheit leidet. Kristina hatte sich jahrelang schlecht ernährt. Ihre Eltern hatten ihr schon als Kind keinen Wunsch ausschlagen können, dadurch wurde sie oft in der Schule gehänselt.

Was hätte ihr wirklich geholfen? Eine Gesellschaft die auf eine gesunde Ernährung achtet, realistische Vorbilder schafft und Regeln festlegt – oder Curvy Models in der Werbung?

Von Marie Kröger

Bildnachweis: Screenshot von Sarina Nowaks Instagram-Seite

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