Heute Miami, morgen Paris: Aus dem Leben eines Topmodels

Berufe, für die man weder Masterstudium noch jahrelange Praktika braucht, um erfolgreich zu sein, sind selten. Als Model aber ist das möglich. Dass das Modeln bei Weitem kein 08/15-Job ist und was das Ganze mit Germany’s Next Topmodel zu tun hat, erzählt Model Hannah Kern.

Für alle unter 17-jährigen weiblichen Teenies werden die kommenden Donnerstagabende wieder langweilig und trist: die zehnte Staffel Germany’s next Topmodel ist vorbei. Die meisten anderen Menschen atmen bei diesem Gedanken vermutlich eher auf – vorbei ist die in vieler Hinsicht fragwürdige Serie, in der sich eine Gruppe teilweise sehr junger Mädchen auf Weltreise begibt, um von Heidi Klum zu lernen, wie man Topmodel wird.

Auch in diesem Jahr konnte es am Ende nur eine werden, und zwar die 18-jährige Vanessa. Sie hat den zehnwöchigen Hindernislauf aus Castings, Shootings und Zickenkrieg in den Augen der gar nicht so fachunkundigen Jury, bestehend aus Ex-Supermodel Heidi, Designer Wolfgang Joop und Modelagent Thomas Hayo, am besten gemeistert.

Germany’s next Topmodel zieht schon seit zehn Jahren junge, pubertierende Mädchen vor die Bildschirme und gibt ihnen Stoff für ihre Träume: auch Topmodel sein, auch so toll geschminkt werden, so hübsche Kleider anhaben, um die Welt reisen und sich von einer VIP-Party zur nächsten chauffieren lassen. Das ist ja schließlich das, was man als Topmodel so macht – oder nicht? Über den Modeljob, der für die einen ein Traum, für die anderen nur scheinheilige Glitzerwelt ist, wissen die wenigsten mehr als das, was GNTM auf die Bildschirme bringt. Doch „Model“ ist tatsächlich ein richtiger Beruf – zum Beispiel der von Hannah Kern. Die 24-jährige hat sich nach dem Abi statt für ein Studium für das Modeln entschieden.

Hannah, wie bist du Model geworden?

„Ich bin Model seitdem ich 19 bin, also schon fünf Jahre. Ich hatte nie wirklich vor, Model zu werden. Erst modelte ich für Studenten, meistens Fotografen oder Designer, die mich über Facebook anschrieben. Einer davon schickte die Fotos dann ohne mein Wissen zu einer Agentur in Hamburg. Zwei Tage später wurde ich von denen angerufen und sie fragten, ob ich Interesse hätte, mich mit ihnen zu treffen. Sie nahmen mich unter Vertrag und bei denen bin ich noch immer.“

Welche Wege gibt es noch, Model zu werden?

„Es gibt viele Model-Scouts, die sich damit beschäftigen, neue Models zu finden. Man läuft dann auf der Straße oder einem Festival herum und wird von einem Scout angequatscht oder wird im Internet angeschrieben. Ansonsten ist die beste Methode, seine Fotos zu Agenturen zu schicken und bei Interesse ein Treffen zu arrangieren.“

Wie läuft eine typische Arbeitswoche bei dir ab?

„Jeden Abend schickt mir meine Agentur meinen Schedule für den nächsten Tag. In London werden Jobs oft erst am Tag vorher bestätigt, in Deutschland zwei bis drei Tage vorher. Es kam aber schon mal vor, dass mir die Agentur morgens einen Flug für nachmittags schickte und ich vorher keine Ahnung davon hatte. Jede Woche sieht anders aus, im Durchschnitt arbeite ich aber drei Tage die Woche und habe den Rest der Tage Castings. Manchmal muss man auch am Wochenende arbeiten oder verbringt die Tage mit der Ab- und Anreise für Jobs.“

Das hört sich sehr stressig an. Steht man stark unter Druck?

„Das kommt immer auf einen persönlich an, darauf, wie schnell man sich selbst Druck macht. Normalerweise sind die Agenturen sehr verständnisvoll, weil sie wissen, wie der Job ist und dass man manchmal drei Wochen am Stück arbeitet.“

Was für Jobs hast du momentan?

„Im Moment arbeite ich viel für E-Commerce, also für Online-Shops, aber ich mache auch Editorials für Magazine, Kataloge, Shows und Präsentationen. Kunden waren zum Beispiel Louis Vuitton, Ralph Lauren, Elle, Glamour, Freundin, Liebeskind, Zalando oder Cos.“

Model Hannah Kern bei der Arbeit
Model Hannah Kern bei der Arbeit

Und wie kommst du an all diese Jobs?

„Das läuft immer über die Agentur. Entweder, ich gehe ich zu einem Casting, was bedeutet, dass  man sich mit dem Kunden trifft, sich vorstellt, sein Buch oder Portfolio zeigt und vielleicht ein paar Klamotten anprobiert, oder die Agentur schickt dem Kunden Polaroids und dieser bucht mich dann direkt.“

Das klingt ja schon ein bisschen so, wie man das aus GNTM kennt. Wie realistisch ist die Serie, auch in Bezug auf die Dauer-Zickereien?

„Zickige Mädchen findet man in jeder Branche. Ich wurde noch nie von jemandem angezickt und habe auch noch nie einen Zickenkrieg miterlebt. Man vergisst schnell, dass GNTM eine Show ist und es daher ein Skript und Produzenten gibt. Ein Produzent geht zu einem Mädchen und sagt ‚Hey, geh mal zu dem Mädchen da hinten und fang einen Streit an‘. Einem Mädchen, das ansonsten vielleicht ganz lieb und nett ist, wird diese Rolle gegeben. Ansonsten würde die Show irgendwann langweilig werden. Allerdings gibt es keine Shootings mit Spinnen oder Schlangen und auf Trampolinen und so weiter. Wenn ich ein Shooting mit Tieren hatte, wurde ich immer vorher gefragt, ob das mit mir in Ordnung geht und es beschränkte sich auf Hunde, Katzen und Pferde. Und wenn man Promis trifft, dann ist auch das meistens relativ unspektakulär.“

Was waren deine bislang besten und schlechtesten Erfahrungen beim Modeln?

„Meine bislang besten Jobs waren die, bei denen ich das Glück hatte, zu reisen. Dieses Jahr wurde ich schon für Jobs in Miami, Santiago de Chile und Pisa gebucht und früher auch schon für Jobs in Tokyo, Ibiza und auf Kreuzfahrtschiffen. Ansonsten sind die Jobs an sich sehr ähnlich, man shootet die Klamotten. Eine richtige unangenehme Erfahrung hatte ich noch nicht, aber dafür hat man auch eine gute, seriöse Agentur, die eine Beziehung zu den Kunden aufbaut und einen nicht auf Jobs schicken würde, die ihnen komisch vorkommen. Und wenn es einem zum Beispiel unangenehm ist, etwas ‚topless’ zu shooten oder sich die Augenbrauen zu bleachen, kann man sich an seine Booker wenden und die sprechen dann mit dem Kunden.“

Wie stark muss man auf seinen Körper achten und was tust du dafür?

„Wie stark man darauf achten muss, kommt auf den eigenen Körperbau an und ob man von Natur aus schlank ist. Ich ernähre mich gesund und mache zwei bis dreimal die Woche Sport.“

Modelmaße werden aber oft als ungesund und als Ursache für Magersucht bei jungen Mädchen angesehen. Ist diese Sorge berechtigt?

„Normalerweise bekommt man eine Essstörung, weil etwas in seinem direkten Umfeld nicht stimmt oder die eigene Wahrnehmung verzerrt ist. Das Schlankheitsideal dürfte dabei nicht hilfreich sein. Ich hatte ein paar Mädchen bei mir in der Stufe, die magersüchtig waren – das hing meistens mit der familiären Situation zusammen und nicht damit, dass sie noch schlanker sein wollten. Auf der anderen Seite habe ich oft in Modelapartments mitbekommen, dass manche Mädchen nach dem Essen auffällig lange auf der Toilette waren.“

Viele sagen, das Model selbst sei nicht so wichtig weil es ja eher um das Produkt geht. Stimmt das?

„Die Auswahl der Models ist schon wichtig, weil es die Marke verkörpern soll. Außerdem sind nicht immer alle Models gleich talentiert oder fotogen. Wenn Fotograf und Kunde wirklich happy über die Modelauswahl sind, ist die Stimmung am Set ganz anders.“

Was sind für dich die Vor- und Nachteile deines Jobs?

„Ein Vorteil ist das Reisen und dass man nicht das typische Arbeitsleben hat, Büro von 8 bis 17 Uhr. Das kann aber auch ein Nachteil sein. Manchmal wünscht man sich schon Routine und dass man Sachen planen kann, ohne dass ein Job last minute dazwischenkommt. Diese Probleme hat aber jeder, der selbstständig ist. Diesen Job kann man meistens nur eine gewisse Zeit ausüben bis man zu alt ist und danach muss man sich neu orientieren.“

Wie sehen denn deine Zukunftspläne aus?

„Momentan model ich Vollzeit, aber ich möchte noch studieren. Ich könnte mir aber vorstellen, das noch ein, zwei Jahre Vollzeit zu machen.“

Würdest du wollen, dass dein eigenes Kind später auch modelt?

„Das kommt ganz auf die Persönlichkeit des Kindes an. Mit der richtigen Persönlichkeit und dem Temperament kann der Job eine gute Möglichkeit sein, Erfahrungen zu sammeln. Der Job ist nicht für jeden, da er viel mit Zurückweisungen und Beurteilungen des Äußeren zu tun hat, die man nicht zu ernst nehmen und nicht an sich ran lassen darf.“

Von Pauline Schnor

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