Mit Gras das Studium finanzieren: Aus dem Leben eines Drogendealers

Für eine Hand voll Gras: Aus dem Leben eines Dealers

Was passiert, wenn man vom Drogenkonsumenten zum Dealer wird? Die Geschichte vom schnellen Geld und der ewigen Angst vor dem Auffliegen. Ein intimes Café, irgendwo in Berlin-Mitte. Anonymität, der ständige Begleiter und vor mir ein junger Mann, dessen Namen ich nicht kenne. Aber das ist auch gut so. Ich weiß nur, dass er “hauptberuflich” studiert. Er spricht sehr leise, als ob man ihn beobachten würde. Jedes Wort, das er ausspricht, kommt mit Bedacht hervor, mindestens drei Mal im Mund umgedreht.

Gras für alle, Speed für Freunde

Meine erste Frage natürlich, was für Drogen er überhaupt verkauft. In erster Linie Gras, sagt er mir. Das geht immer gut. Aber da er am Wochenende selber gerne “Ja” zu chemischen Drogen sagt, kam das Eine zum Anderen und 20€ schneller als man denkt in die eigene Tasche. Aber das nur für Freunde oder Bekannte. Er sagt mir, Berlin sei völlig verseucht.

Sein erster Abend in Deutschlands Hauptstadt begann mit einem Teller voller Lines. “Um cool zu sein, musst du mitmachen.” Und das ist das Problem: immer mitzuhalten, dabei zu sein, aber vor allem zu high sein. Was seine ‘‘Kunden‘‘ angeht, spricht er schon teilweise von Junkies, die kontaktieren ihn fast jeden Tag, das Verhalten gehe ihm auf den Sack. Aber der Kunde ist König, oder?

Marihuana als Investition

Die Frage, welche mir bei dem gesamten Gespräch im Hinterkopf pocht, ist: “Warum zur Hölle? Wie wär’s mit Kellnern oder so?” Falls er irgendwann mal den Artikel liest, wird er an dieser Stelle lachen. Er sieht es als ganz normalen Nebenjob , während andere Leute zehn Stunden kellnern, tickt er eben ein bisschen Gras. Geht viel schneller. Und er braucht es als Lebensunterhalt und es sei viel zu lukrativ, um auf das Geld zu verzichten.

Er lebe zwar nicht “dick wie ein König”, und er spart auch viel, um damit auszuwandern und Startkapital für den späteren Beruf zu haben. Er betont aber auch, dass er mit diesem Geld niemals eine Familie ernähren möchte, sondern sich den einen oder anderen Taler dazuverdient. Der junge Mann nennt es liebevoll “Taschengeld”.

Sparangebot: Drei Zwannis für ‘nen Fuffi

Wie kommt es dazu, dass man Ticker wird? Ist das eine klare Entscheidung, die man fällt, nach dem Motto: „Ach, ab heute verkaufe ich Drogen, kein Bock mehr auf normale Arbeit“. Oder rutscht man da rein? Wohl eher Letzteres. Meine Bekanntschaft erzählt mir, dass er seit dem sechzehnten Lebensjahr immer wieder Kontakt mit Drogen hatte, besonders, da eigene Freunde gedealt haben.

Dann ist er nach Berlin gezogen. Zwei Jahre hat’s auch legal geklappt. Dann sollte er nur dem einem Freund etwas mitbringen, aus einem wurden zwei und so weiter. Mittlerweile kifft er nicht mehr oder halt “weniger”. In der Regel verkauft er nur an Freunde oder Freundes Freunde. Er würde sich nie in die Hasenheide stellen und sein Glück versuchen. Er selbst verkauft nur in Zwannis, also etwa 2 Gramm Marihuana für 20€. Freundschaftspreise gibt es natürlich auch, dass sind dann drei Tütchen für das Sparangebot von 50€. Freunde zieht er nämlich nicht ab.

Die goldenen Regeln des Dealens

  • Regel 1: Nur das Arbeitshandy nutzen, man sollte Arbeit und Privates ja trennen können. Außerdem ist das viel sicherer.
  • Regel 2: Keine Namen.
  • Regel 3: Wenn Kunden mit Zeug erwischt werden: es ist nicht von ihm.
  • Regel 4: Das Zeug an unterschiedlichen Orten lagern. Falls jemand ihn abziehen möchte, kann nicht viel gefunden werden.

Der Frisör unter den Dealern

Eigentlich schreibt er gerade an seiner Bachelorarbeit, deswegen möchte er das Dealen auch nicht mehr solange machen. Es ist nur eine Einnahmequelle während des Studiums. Was ihn nämlich nervt ist, dass die Leute mit allen Ihren Problemen zu ihm kommen und der Verkauf meistens einer Therapiesitzung ähnelt. Besonders ärgerlich ist das, wenn er gerade lernen will oder “eine Perle am Start hat” und dann ein Kunde vorbeikommt und unentwegt auf ihn einredet. Aber die Höflichkeit muss gewährt bleiben, denn auch ein Dealer wäre ohne seine Kunden nur ein Typ mit ziemlich viel Gras.

Das Doppelleben

Eigentlich wartet auch er nur auf den Moment, dass es endlich aufhört. Es lastet ein riesiger psychischer Druck auf ihm. Die ständige Erreichbarkeit, immer nach den Kunden zu planen, aber das Schlimmste ist, ständig zu wissen, dass es illegal ist, was man tut. Das moralische Dilemma, in dem man steckt und welches sich jeden Tag wiederholt. Ins Bett zu gehen und zu wissen, “wenn das jemand rauskriegt, sind das zwei Jahre auf Bewährung oder ein halbes Jahr Knast”. Na dann Gute Nacht! Er sagt von sich selber, dass sein Leben „schizophren“ sei. Auf der einen Seite bist du der nette Student und auf der anderen Seite der böse Dealer und das zu verbinden, fällt nicht leicht.

Im Haifischbecken

Meine letzte Frage war, wo er die ganzen Drogen herbekommt. Er guckt mich schockiert an und ich gebe zu, diese Frage war etwas unüberlegt. Seine Antwort lässt vieles offen, aber er habe diese Menschen, die ihm die Drogen besorgen, damals als nette Bekannte kennengelernt, die es immer noch sind, aber er wolle sich nie im Leben mit ihnen anlegen. Er ist halt auch nur der Nemo im Haifischbecken.

Von Lea Bohlmann

Ein Gedanke zu „Für eine Hand voll Gras: Aus dem Leben eines Dealers“

  1. Durchaus interessanter Artikel! Aber ob man als sogenannter Dealer jemals richtig glücklich werden kann? Man muss doch unter ständiger Angst leben, bzw. damit rechnen aufgedeckt zu werden und dann ist nahezu das ganze Leben zerstört. Aber im Endeffekt muss es natürlich jeder selber wissen.

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