Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen: Tinder, ein modernes Märchen

Tinder ist die berühmte Dating-App, bei der man potenzielle Partner mithilfe eines einzigen Blickes auf ihre Profilfotos auswählen kann. Eine App, die immer mehr Nutzer findet und die immer gesellschaftsfähiger wird. Und dabei die klassische Form des Datings komplett umkrempelt. 

Es ist Freitagabend. Eigentlich Ausgeh-Tag, aber Isabelle will sich heute mal einen richtig gemütlichen Abend machen. Also geht es mit Kuscheldecke und einem Glas Rotwein ab ins Bett, um erstmal durch die Facebook-Timeline des gesamten Tages zu scrollen. Irgendwie langweilig. Und einsam. Da könnte man ja einfach mal diese neue Dating-App runterladen. Tinder. Nur um das mal auszuprobieren. Gesagt getan, nach ein paar Klicks taucht das viereckige App-Icon – eine rote Flamme – auf Isabelles Smartphone auf. Und nur zehn Minuten später schreibt sie schon mit Tom, 26.

Wie das funktioniert? Ganz einfach. Mithilfe des Facebook-Profils kann man sich auf Tinder ein eigenes Konto anlegen. Öffentlich angezeigt werden nur Alter, Vorname und einige ausgewählte Profilbilder, außerdem kann man sich mit ein paar Worten selbst beschreiben. Das Kennenlernen läuft dann so: nacheinander werden einem die Profile der Tinder-Nutzer in der Nähe angezeigt. Gefällt einem Foto, Name und Alter der Person, wischt man auf dem Touchscreen nach rechts – findet man die Person eher unattraktiv, wischt man nach links und sie verschwindet auf Nimmerwiedersehen. Ebenso, wie als Aschenputtel nur die guten Körner aus einer Masse an schlechten herauspickte. Wischt die „gute“ Person, die einem gefällt, bei einem selbst ebenfalls nach rechts, entsteht ein sogenanntes „Match“. Die beiden Glücklichen, die sich „gematcht“ haben, können sich ab dann persönliche Nachrichten schicken.

So ist es also auch bei Isabelle. Sie scrollt jetzt seit ein paar Minuten in der App herum, wischt mal nach links – wegen der schreckliche Frisur, dem doofen Namen oder der uncoolen Pose auf dem Profilbild – und mal nach rechts, wenn der erste Blick aufs Foto der Person auf dem Bildschirm irgendwie ansprechend ist. Und siehe da: ein Match mit Niklas, eins mit Jonathan, eins mit Tom. Tom sieht am nettesten aus, findet Isabelle. Erstes Problem: schreibt sie oder schreibt er zuerst? Auf Tinder geht es meist noch klassisch zu, der Mann macht den ersten Schritt. Tinder-Begrüßung Nummer 1 scheint dabei der Klassiker „Hey Isabelle, wie geht’s?“ zu sein. Kreativere schreiben etwas zum Profilbild oder denken sich einen (vermeintlich) witzigen Spruch aus, aber mit einer netten Frage nach dem Befinden scheinen die meisten nichts falsch zu machen. Isabelle zumindest schreibt Tom zurück. „Hey, ganz gut, aber war ein langer Tag. Und dir?“, antwortet sie. Mit dem Smalltalk geht es ein paar Minuten weiter. Dann die Frage „Wollen wir vielleicht noch was trinken gehen?“. Isabelle zögert. Auf solchen Dating-Seiten wollen die Typen doch eh nur das eine, oder? Aber andererseits, was hat sie schon zu verlieren? Sie, 24, seit ein paar Monaten unglücklich Single? Also sagt Isabelle zu – in einer Stunde auf ein Bier in der kleinen Bar um die Ecke.

So schnell geht das also bei Tinder. Erschienen ist die App 2012. Auf dem Campus einer kalifornischen Universität verbreitete sie sich wie ein Lauffeuer. Mittlerweile hat Tinder weltweit Millionen von Nutzern, die täglich stundenlang darin aktiv sind. Grund dafür ist, dass man derart einfach an ein Date herankommt. Das Vorurteil, dass sich auf Tinder nur sexgeile Idioten herumtreiben, gilt längst nicht mehr – die meisten Nutzer sind einfach auf einen schönen Abend mit netter Begleitung und natürlich offenem Ende aus. Das ist zumindest die Erfahrung von Isabelle.

Nach dem Date mit Tom, bei dem sie zwar einen unterhaltsamen Abend verbracht hat, das aber kein Wiederholungspotenzial hatte, kamen nämlich immer mehr Tinder-Abende. Und richtig katastrophal sei keiner gewesen, sagt sie. Besonders in Erinnerung wird ihr wohl Italiener Antonio bleiben, der in ihr die amore grande sah – und das auch gleich durch mehrere Pakete frisch aus Italien mitgebrachter Pasta zum Ausdruck brachte, die er Isabelle beim Date schenkte.

Oder Kevin, in dessen Kiffer-Wohnung sie ein paar nette Nächte verbringen durfte.

Und dann auch Juan, der Spanier. Den fand Isabelle mehr als nur sympathisch. Aber Juan meldete sich nie wieder. „Nachdem man mit fünf, sechs Leuten ausgegangen ist, und endlich interessiert einen jemand wirklich, dann ist man schon enttäuscht, wenn ausgerechnet der sich nicht mehr meldet“, meint Isabelle. Aber eben das mache eben auch den Reiz aus an Tinder: „Man hat immer die Chance, einfach alles abzubrechen. Man geht überhaupt keine Verpflichtungen ein. Das ist das Angenehme daran“. Besonders, weil man immer auf der Suche nach dem perfekten Match sei, wie Isabelle es ausdrückt. Wenn man dann während des Dates denkt, dass es vielleicht noch perfekter geht, kann man es ja morgen mit dem nächsten versuchen.

Aber wann ist diese Form des Datings eigentlich gesellschaftsfähig geworden? Die Hemmungen der meist 18- bis 35-jährigen Tinder-Nutzer sind beinahe gänzlich gefallen, als seltsam gilt es längst nicht mehr, jemanden übers Internet kennenzulernen. Es ist vermutlich das Denken der jungen Generation. Alles muss schnell gehen, für das normale Kennenlern-Prozedere haben die meisten keine Zeit und auch keine Lust darauf: rausgehen, sich trauen, jemanden anzusprechen oder hoffen, dass man angesprochen wird, das ewige Bei-Facebook-Schreiben bis dann endlich die Handynummer ausgetauscht wird und es zu einem ersten Treffen kommt – das ist der Generation Tinder zu umständlich. Hier kann ich mir mein Date bequem auf dem Sofa oder in der Bahn sitzend organisieren. Und noch etwas spielt eine Rolle dabei, dass die Nutzerzahlen von Tinder derart drastisch ansteigen: die Suche nach Anerkennung. „Klar ist das ein gutes Gefühlt, wenn man ein Match hat. Das heißt ja, dass jemandem mein Profilbild gefällt“, meint Isabelle. Gerade für Singles, wie es ja die meisten Tinder-Nutzer sind, ist das eine willkommene Selbstbestätigung. Und es passt perfekt ins Bild unserer nach likes heischenden Gesellschaft. Egal, ob wir etwas auf Facebook, Instagram oder ähnlichem posten – bekommen wir likes, freuen wir uns. Und nicht anders läuft es auf Tinder.

Auch wenn die meisten Matches auf Tinder zu nicht mehr als ein bis zwei Dates führen: die große Liebe kann man natürlich mit etwas Glück auch hier finden. Isabelle jedenfalls versucht es weiter. Wieder ist es Freitagabend, wieder steht nicht wichtiges auf dem Abendprogramm. Und auch heute macht sie es sich wieder mit ihrem Glas Rotwein auf dem Sofa gemütlich und scrollt sich durch die Tinder-Profile der Typen in ihrer Nähe. Christoph. Daniel. Pierre. Adam – und Match! Vielleicht ist er ja endlich Isabelles Märchenprinz.

Von Pauline Schnor

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