Selbstbefriedigung hat nur positive Effekte

Sisters Are Doin’ It for Themselves: Selbstbefriedigung ist weiblich

Selbstbefriedigung ist weiblich. Es heißt ja schließlich DIE Selbstbefriedigung. Aber im Ernst: Noch immer (und wir schreiben das Jahr 2019) scheint Selbstbefriedigung kein Frauenthema zu sein. Warum eigentlich? Selbstbefriedigung ist natürlich und gesund. Bei Männern wie bei Frauen. Und ohne Selbstbefriedigung kann man viel Zeit bei der Suche nach gutem Sex verschwenden, wie uns die Geschichte von Anna zeigt.

„Meine Mutter erklärte mir schon sehr früh anhand von bunten Bilderbüchern, wo die Babys herkommen, erinnert sich Anna heute. Nicht die Geschichte vom Blümchen und Bienchen, sondern gezeichnete kindgerechte Bilder, von einer nackten Frau und einem nackten Mann – mit allem Drum und Dran.“

Anna wuchs in einem reinen Frauen-Haushalt auf, mit ihrer Mutter und ihrer Schwester. Zu dieser Zeit war FKK äußerst beliebt und so hatte Anna das Privileg, Frei sein zu können. Sie konnte sich und ihren Körper erkunden, Abseits vom Gefühl des Verbotenen.

In der 6 Klasse hatte sie zum ersten Mal ein paar Probestunden Sexualunterricht. Anna war damals 11 Jahre alt. Die Jungs kamen in einen anderen Raum und wurden von den Mädchen getrennt. Die Klassenlehrerin erklärte den Mädchen nur sehr oberflächlich und mit kindlichen Begriffen, die wesentlichen Unterschiede des weiblichen Körperaufbaus zum männlichen. Besonders wichtig war es ihr, den jungen Mädchen genau zu erklären, wie sie ordnungsgemäß mit dem „Dreck“ umgehen, wenn sie ihre Periode haben.

Bereits im Kindesalter wird Mädchen eine besondere Rolle zugewiesen. Mädchen sollen verstehen, wieso sie beim Tragen von Kleidern darauf achten müssen, die Knie zusammen zu halten oder dass sie nicht oben ohne herumlaufen können, obwohl es die Jungs dürfen. Kinder im Alter bis ca. 7 Jahren haben noch kein Schamgefühl. Viele Kinder berühren ihre Geschlechtsteile in diesem unschuldigen Alter und wollen dem angenehmen Gefühl einfach nachgeben. Das ist nichts Ungewöhnliches. Es ist ein Urinstinkt. Es gibt zahlreiche Tierarten, die sich selbst Anfassen und durch Reiben, Lecken oder ähnliches sogar Masturbieren. Erst die Erwachsenen bringen den Kindern bei, dass es falsch sei, nackt zu sein oder sich selbst anzufassen. Oft bleibt dieses antrainierte Verhalten tief in unserem Bewusstsein und selbst mit Mitte 20 Jahren hat man noch immer das Gefühl, es sei falsch sich zu berühren.

Aus antiken Überlieferungen wissen wir, dass es bereits im alten Rom als unangemessen galt, wenn Frauen ihre Sexualität auslebten, ein angenehme Gefühle beim Sex verspürten oder gar einen Orgasmus hatten. Die Kirche führte diese Sicht weiter und lehrte sogar, dass Masturbation die Ursache von diversen Krankheiten wie Krebs, Lepra, Gehirnerweichung, Rückenmarksschwund, Akne bis hin zu psychiatrischen Krankheitsbildern wie Wahnsinn ist. Auch zahlreiche Philosophen, wie Immanuel Kant unterstützten zu dieser Zeit diese Auffassung.

Eine echte Freudsche Fehlleistung: „Selbstbefriedigung macht Frauen hysterisch“

Besonders bekannt in diesem Zusammenhang ist auch Sigmund Freud, der durch seine Diagnose weibliche Hysterie, für Frauen, die der Masturbation verfallen waren, weltbekannt wurde. Masturbation war nun selbst zu einer Krankheit erklärt worden. Bis 1915 wurden Frauen als Folgen dieser berühmten Diagnose operativ die Genitalien verstümmelt oder sogar die Gebärmutter entfernt.

Jahrhundertelang wurden Frauen dazu erzogen, sich für ihre Sexualität zu schämen und sie zu verbergen. Anderenfalls liefen sie Gefahr, ausgestoßen oder verstümmelt zu werden. Noch heute gibt es Länder, in denen Masturbation gesetzlich verboten ist, wie zum Beispiel in North Carolina.

Frau-Power-Hymne der 80er: Sisters are doin‘ ot for themselves von den Eurythmics feat. Aretha Franklin

In Deutschland hat sich seither jedoch viel verändert. Beginnend durch den unermüdlichen Einsatz der wohl bekanntesten Pionierin, Beate Uhse, die für die Befreiung der weiblichen Sexualität gegen gesellschaftliche Normen kämpfte, können wir offener über die Lust sprechen, als je zuvor. Danach schaffte es die weibliche Sexualität, zum Beispiel durch die US-Serie Sex and the City, sogar auf die Bildfläche. Der riesige Erfolg zeigt, wie dringlich es war, Frauen in der Öffentlichkeit zu zeigen, die frei und ungefiltert über Sex sprechen, Sex haben und sogar Masturbieren.

Die bekannte Expertin und Kolumnistin Tuba Frank war lange Zeit Testimonial des Unternehmen Amorelie. Sie findet: „Es ist sehr schwer über Sex zu sprechen oder zu schreiben ohne dass sich jemand in irgendeiner Form auf die Füße getreten fühlt oder dass man jemanden zu nahekommt – ohne dass es vulgär wirkt.“

„Grundsätzlich sind Frauen offener für neue Sexpraktiken oder Toys, weil sie sich einfach schneller langweilen. Ich glaube wir befinden uns beim Thema Masturbation und Sextoys an demselben Punkt, an dem wir und vor 20 Jahren mit Kondomen befunden haben. Damals konnte man Kondome nur in der Apotheke kaufen und als es die ersten Kondome auch im Supermarkt erhältlich waren, haben sich viele Menschen darüber aufgeregt.“

Sexshops: Weg vom Schnuddelimage. Hin zum Lifestyle

Sexshops haben ihr Image vom heimlichen Hinterzimmer zu einem offenen und modernen Shop für Lifestyle Produkten entwickelt, die durch Design und Qualität bestechen. Dank Unternehmen, wie Amorelie (Gründung 2013) ist es inzwischen selbstverständlich, Sextoys, Accessoires und ähnliches bequeme online zu kaufen. Es gibt Plakatwerbung und Werbespots im Free-TV. Sogar in Drogeriemärkten, wie dm sind viele Produkte für das private Vergnügen einfach und offen erhältlich.

Jungen Frauen wie Anna fehlt oft der richtige Ansprechpartner, um über ihre Gedanken und Gefühle zu sprechen. Trotz aller Bemühungen scheint noch immer der Schleier der Scham über dem Thema zu schweben. Anna hatte ihr erstes Mal mit 18 Jahren. Ihr Freund war 13 Jahre älter als Sie.

„Um ehrlich zu sein, war ich damit ziemlich überfordert. Und das in so vielen Bereichen. Er hatte einen Fußfetisch, einen Schuhfetisch und einen SM-Fetisch im Allgemeinen. Dazu gehörten auch Lack, Lederoutfits, Corsagen, High Heels etc. Das war schwierig zu schlucken für mich als junges Mädchen damals. Auch ein Vorspiel gab es nie. Ich wurde quasi aufs Bett geschmissen und keine Minute später ist er in mich eingedrungen. Damals wusste ich noch nichts über Sex und ahnte nicht, dass Sex so viel mehr sein kann. Immer ging es darum, diese Corsage und dazu jene High Heels anzuziehen, um mich dann schön zu präsentieren und ihm gefällig zu sein. Vertrauen und liebevolles Miteinander waren Fremdwörter für mich.

Ich weiß heute nicht, wo ich diesen Mut hergenommen hab, mich so zu präsentieren und frage mich, wo mein Mut war, um einzufordern was mir fehlte. Nach 4 Jahren trennte ich mich von meinem Freund. Einen Orgasmus hatte ich bis dahin nie.

Ich habe gelogen, weil ich nicht wollte, dass andere denken, etwas stimmt nicht mit mir. Naja, und wenn man einmal geschwindelt hat, muss man ja damit weitermachen, denn sonst müsste man zugeben, dass man schon die ganze Zeit über vorgetäuscht hat. Mein Sexualverhalten wurde durch diesen sehr egoistischen und einseitigen Sex leider falsch geprägt. Ich habe nie gelernt, mich fallen zu lassen. Ich wurde zur Performerin erzogen, die immer schön hinhalten soll.

Heute – 15 Jahre später – grüble ich manchmal noch immer, wenn ich Sex habe. Ich denke an Millionen Dinge: ‚Wie sehe ich gerade aus, riecht meine Muschi gut, wird er mich hinterher fragen, ob ich gekommen bin? Denkt er, ich liege nur steif rum, wie ein Brett, wenn ich mich nicht bewege? Oh, das war gut. Warum hört er damit auf? Oh, das war unangenehm. Wie sag ich es ihm? Jetzt oder später?‘ Und so weiter und so fort…. Ich musste ganz neu lernen, mich beim Sex fallen zu lassen, den Kopf auszuschalten. Das hat mehrere Jahre gedauert.

Meinen ersten Orgasmus hatte ich tatsächlich erst zwei Jahre nach der Trennung von meinem Freund. Eine Freundin schenkte mir zum Geburtstag einen Vibrator – Ja, was soll ich sagen, ich bin gekommen und war absolut überwältigt von diesem Gefühl.“

So wie Anna geht es vielen Frauen. Laut einer Studie der Chapman Universität in Kalifornien USA haben nur 65% der heterosexuellen Frauen in einer Partnerschaft üblicherweise einen Orgasmus beim Sex. Umfragen bei homosexuellen Frauen haben ergeben, dass sie häufiger Orgasmen erleben, und dass der Orgasmus selbstverständlicher zum Liebesspiel dazugehört.

Orgasmus-Training

Doch das liegt nicht nur an den Männern. Die Fähigkeit zum Orgasmus lässt sich durch regelmäßiges Masturbieren erheblich steigern und ist für Frauen zugleich die zuverlässigste Methode den Höhepunkt zu erlangen. Durch Masturbation und dem Auseinandersetzen mit dem eigenen Körper lernen Frauen, durch welche Stimulationen sie am besten zum Orgasmus kommen. Viele Frauen beschreiben die Orgasmen beim Masturbieren meist sogar als intensiver im Vergleich zu dem beim Geschlechtsverkehr.

Umfragen ergaben, dass es im Schnitt 3 Minuten bis zum Orgasmus dauert und die meisten Frauen dabei zu Hause auf dem Bett oder in der Badewanne auf dem Rücken liegen. Am häufigsten masturbieren Frauen durch Stimulieren der Klitoris und Vulva entweder mit der Hand oder mit einem Vibrator. Nur relativ wenige Frauen (unter 20 %) führen beim Masturbieren ihre Finger oder Gegenstände wie Dildos in die Vagina ein.

Heute wissen wir also so einiges über das heiße Solo. Forscher sind sich einig, dass Masturbieren eigentlich nur positive Effekte hat. Glücksgefühle wie Endorphin und Oxytocin werden ausgeschüttet und wirken gegen Stress und Depressionen. Die intensive Durchblutung beugt langfristig Gefäßverengung und Blasenentzündungen vor. Das Immunsystem wird gestärkt. Durch die Stimulierung des Nervensystems entspannen sich die Muskeln und ein tieferer Schlaf wird erreicht. Die Beckenbodenmuskulatur wird trainiert, was für eine bessere Haltung und eine bessere Regeneration bei der Periode sorgen. Es stabilisiert sich der Blutdruck und das Herz-Kreislauf-System. Nicht zuletzt werden auch Kalorien verbrennt.

Die positiven Effekte sind endlos fortzuführen sodass Masturbation von einigen Ärzten sogar als Therapiemaßnahme empfohlen wird. Eine nicht zu vergessene Auswirkung von regelmäßigem Masturbieren ist die Stärkung der inneren Haltung und Gesinnung. Durch das Kennenlernen des eigenen Körpers kann man selbstbewusster für seine eigenen Wüsche einstehen und sie besser einfordern.

Religion: Der einzige Gegner der Masturbation

Einziger Gegner der Masturbation stellt nach wie vor die Religion dar. Bis heute ist u.a. im christlichen und muslimischen Glaube, Masturbieren eine Sünde. Zwar wurden Körperstrafen abgeschafft aber Sex außerhalb der Ehe, auch nur mit sich selbst, lehnen die Religionen weiterhin strikt ab.

Heute ist Anna 34 Jahre, verheiratet und schwanger im 7 Monat. Sie masturbiert seit vielen Jahren regelmäßig, manchmal alleine, manchmal mit ihrem Mann zusammen. Annas Ehemann hat, wie viele andere Männer aufgehört mit seiner Frau zu schlafen, als der Bauch zu groß wurde. Sie empfinden es als eine Art Perversion, wenn man mit einer hoch schwangeren Frau Sex hat. Annas Ehemann hat nicht mehr das Gefühlt allein mit seiner Frau zu sein, sondern fühlt sich nun zu dritt.

Er weiß, dass das Kind im Fruchtwasser geschützt ist und Orgasmen sich für das Baby eher wie Massagen anfühlen. Dennoch kann er es nicht ausblenden. Gerade während der Schwangerschaft haben viele Frauen ein gesteigertes Lustempfinden. So auch Anna. Um die Bedürfnisse zu stillen masturbiert sie täglich und ist sehr froh darum.

Um mit dem Tabuthema zu brechen und junge Menschen mit einer gesunden Sexualität aufzuziehen, muss die weibliche Sexualität öfter thematisiert werden und den Weg in die Öffentlichkeit finden. Es ist wichtig, ein vertrauensvolles Umfeld zu schaffen und Kindern erlauben sich in einem geschützten Raum entdecken und frei entwickeln zu können.

Masturbation ist ein wichtiger Bestandteil der Aufklärung und könnte gerade jungen Frauen dabei helfen, einen selbstbewussteren Umgang zu finden. Anders als vielleicht vermutet, ist Masturbation keine Ersatzbefriedigung, sondern verbessert den partnerschaftlichen Sex. Zahlreiche Studien belegen die positiven Effekte von Masturbation, so dass immer mehr Menschen sich diesem Thema öffnen. Auch die Haltung der Kirche zu Masturbation und der weiblichen Sexualität wird zunehmend liberaler.

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