Fremdgehen: Völlig normal. Oder?

Ich sitze in einer Vorlesung an der Uni. Die Stunde hat noch nicht angefangen. Ich höre Marie und Helena hinter mir aufgeregt quatschen. „Hast du das schon gesehen mit Khloes Typ?“, fragt Marie. „Unmöglich das zu übersehen. Die Videos sind ja überall im Netz. So eine Schande und das auch noch obwohl sie hoch schwanger ist“, antwortet Helena schockiert.

Ich drehe mich um und schließe mich der Konversation an. Ich kann dieses Thema einfach nicht ignorieren. Hier die Kurzfassung: Khloe Kardashian, ein amerikanischer Reality-Star, ist im neunten Monat schwanger von ihrem Freund Tristan Thompson, Basketballspieler für die Cleveland Cavaliers. Kurz vor ihrer Entbindung taucht ein Video auf. Tristan amüsiert sich prächtig mit zwei anderen Frauen, während sie zu Hause sitzt.

Ich habe mich schon oft mit dem Thema Fremdgehen beschäftigt. Was bewegt Menschen dazu, fremd zu gehen? Monogamie scheint in der heutigen Zeit von Instagram, Tinder und Co. ein Fremdwort zu sein. Einen Partner, für den Rest des Lebens? Nö. Warum auch, wenn die Auswahl unendlich ist. Alle scheinen dank des Internets so greifbar nah.

Während man sich früher überwinden musste, um eine Person anzusprechen, geht das heute ganz easy. Ein Wisch nach rechts, ein Match oder kurz auf den Instagram-Account klicken, eine Nachricht schreiben und schon kann man ins Gespräch kommen. Jaja, früher war alles besser, oder?

Immerhin war Heiraten normal, in Unzucht leben dagegen tabu. Auch die Zahlen sprechen dafür, dass der Trend der Eheschließung zurückgeht. Laut der Süddeutschen Zeitung genauer gesagt um 50% in den letzten sechzig Jahren.

Offene Beziehungen

Bei diesen Erkenntnissen frage ich mich, ob es Monogamie überhaupt noch gibt. Ich spreche mit Linda. Sie arbeitet als Model und kommt aus Düsseldorf. „Monogamie? Also davon halte ich jetzt nicht sonderlich viel. Warum auch. Mein Freund und ich führen eine tolle Beziehung. Wir lieben uns auf einem anderen Level“ erzählt die 28-jährige munter drauf los.

Ich hake nach: „Auf einem anderen Level? Was meinst du damit?“ „Naja, wir wissen beide, dass wir immer mal zwischendurch jemand anderen haben. Ohne geht es einfach nicht. Ich meine, hast du dich mal umgeschaut, was für heiße Typen durch die Welt marschieren? Wir wissen aber trotzdem, was wir aneinander haben und wollen uns auch nicht trennen. Es harmoniert einfach perfekt. Nur treu bleiben geht für uns beide halt nicht.“ Polyamorie nennt man diese Art von Beziehung und sie scheint gar nicht mal so selten.

Was motiviert einen Menschen fremdzugehen?

„Die Beziehung lief sowieso nicht mehr und ich war gekränkt. Die meisten Typen gestehen sich das nicht ein, aber das männliche Ego ist ein wahrer Beziehungskiller. In dem Moment brauchte ich dann diese Art von Bestätigung und es hat sich so angeboten“ erzählt mir Phillip.

Aber was passiert danach? „Zuerst habe ich nichts gesagt. Aber irgendwo hat man ja doch ein Gewissen und ich wusste, dass es sowieso nicht mehr halten wird. Nach drei Monaten haben wir uns dann getrennt. Für sie war es sehr schmerzhaft und es tat mir auch leid. In der Situation macht man sich aber über sowas keine Gedanken“ so der 23-jährige BWL Student.

Laut einer Umfrage von Parship geben insgesamt 30 Prozent der befragten Männer und Frauen an, dass sie nicht ausschließen können, in Zukunft einmal fremdzugehen. Eine offene Beziehung ist da dann wohl die bessere Lösung. Okay, aber denken tatsächlich alle jungen Leute so? Oder ist es nur ein geringer Teil der Bevölkerung, die es mit der Treue nicht so ernst sehen?

Mein Interesse an dem Thema steigt immer mehr. Ich versuche nachzuvollziehen was genau der Reiz an dieser Art von Beziehung ist. Ich durchforste das Internet zum Thema Beziehungen und es tauchen Artikel auf wie „Monogamie ist nicht natürlich“ oder „So unglücklich sind Monogame.“ Belegt wird das meistens von Psychologen, die der festen Überzeugung sind, dass die Menschheit nicht dafür gemacht ist, den Rest seines Lebens mit einem Partner zu verbringen. Die Psychologie sagt außerdem aus, dass sich auch in der Tierwelt nur drei bis fünf Prozent monogam verhalten.

„Wir sind doch keine Tiere“

Irgendeinen Grund muss es aber doch geben, warum die gesellschaftliche Norm anders aussieht. Ich spreche mit Rebecca, sie ist 24 Jahre alt und seit ihrem 19. Lebensjahr verheiratet. „Ich halte gar nichts von offenen Beziehungen. Ehe und Liebe sind Arbeit und das haben viele Menschen leider noch nicht verstanden. Sie gehen einfach ihren Gelüsten nach. Haben Lust, mit wem anderes Sex zu haben und machen es dann auch. Ob sie ihrer Beziehung in dem Moment schaden, ist dann erst einmal nebensächlich.“

Die Psychologen rechtfertigen, dass Monogamie in der Tierwelt so gut wie gar nicht existiert und fremdgehen somit normal ist. Auch hier hat Rebecca eine ganz klare Meinung zu: „Wir haben doch einen Menschenverstand und sind keine Tiere. Ich finde es sowieso unsinnig uns mit der Tierwelt zu vergleichen. Wir müssen nicht unseren Instinkten und Gelüsten nachgehen. Die Welt wäre katastrophal wenn jeder Mensch machen würde, wo er gerade Lust drauf hat. Irgendwo muss es doch schmerzhaft sein eine Person, die man liebt ständig mit anderen zu teilen. Für meinen Mann und mich wäre das nichts.“

Es stimmt schon, betrogen zu werden ist schmerzhaft und auch in einer offenen Beziehung müssen Regeln aufgestellt werden um sein Gegenüber nicht zu verletzen.

Ach ja; Fremdgegangen wurde übrigens schon immer. Damals war es nur nicht so einfach herauszufinden. Viele haben es auch toleriert, denn eine Option hatten sie nicht wirklich. Sich scheiden zu lassen war mit vielen Hürden verbunden. Das Internet ist somit nicht schuld daran, sondern einfach die Denkweise der Menschen, nach Lust und Laune leben zu können. Eins sollte Fremdgehern auf jeden Fall klar sein – oft wird dadurch ein psychischer Schaden bei dem anderen hinterlassen. Also reißt euch lieber zusammen und beendet die Beziehung vorher oder kommuniziert es halt offen so wie Linda und ihr Freund.

Von Miriam Rautert

Bildnachweis: Von Tyler Nix  [Lizenz] via unsplash.com

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