Liebe ist nicht monogam & das ist der Grund

„And I feel deathly romantic, strangely old fashioned and suffering.”, schreibe ich mit dem geklauten Kugelschreiber auf eine Serviette, irgendwo in London China Town. Wir sitzen ganz hinten in einem engen All-you-can-eat Restaurant. Draußen regnet es in Strömen. Drinnen steigt der heiße Dampf von Frühlingsrollen, Erdnusssoße und Reis die milchigen Fensterscheiben hoch, um von Selbigen dann wieder hinunter zu tropfen.

Sie sitzt mir gegenüber, trägt dunklen Lippenstift und Ohrringe, die zu massiv über ihren schmalen Schultern hängen.

Ein paar Regentropfen haben sich in ihren Haaren verfangen, die sie sich nun mit einer automatisierten Bewegung hinter das linke Ohr streift. Ihre Augen blinzen aufmerksam. Mit spitzen Fingern dreht sie die Serviette so zu sich, dass sie lesen kann, was ich darauf geschrieben habe. Ha, that’s really good.” Ich lächle, schaue sie eine Weile an. Merke, wie sich ein schweres Gefühl von meinem Hals in meinen Brustkorb zieht. Mit einem Pusten versuche ich die aufkommende Enge auszuatmen und fixiere meine Hand, die verloren zwischen Chiliflocken und Sojasauce auf dem kalten Marmortisch ruht. “I’m gonna miss you.

Wenige Wochen später bin ich zurück in Berlin. 1,100 Kilometer liegen zwischen uns und obwohl wir es eine Weile weiter probieren, bewegen wir uns immer weiter voneinander weg. Bis wir uns irgendwann nicht mehr sehen.

Und ich komme mir tod-romantisch, seltsam altmodisch und leidend vor.

Nach London frage ich mich oft, was Liebe ist. Und weil ich alleine keine Antwort auf diese Frage finde, suche ich bei meinen Freunde danach.

 

Gemeinsamen Erlebnisse, auch Routine, immer wieder neuen Bereicherungen. Das klingt zum Ersten nach sehr verschiedenen Vorstellungen, zum Zweiten eher nach Symptomen als der Ursache selbst.  

Liebe, mal geschichtlich gesehen

In der Antike wurde Liebe in drei Begriffe gegliedert: Eros, Philía und Agápe.  Eros, das ist die sinnlich-erotische Liebe, der Wunsch nach dem Geliebt werden und das Begehren einer anderen Person. Eros muss nicht auf Gegenseitigkeit beruhen, um zu bestehen. Philía ist die Freundesliebe. Diese Art der Liebe beruht auf Gegenseitigkeit. Man schenkt sich Anerkennung und Verständnis. Agápe können wir als Nächstenliebe oder eine selbstlosen Liebe definieren.

Liebe ist eine Art Obsession

Biologisch sieht Liebe wie folgt aus: Verliebt man sich, dann steigt der Dopaminspiegel an, der Serotoninspiegel sinkt. Auch Cortisol, das Stresshormon, steigt an. Der Testosteronspiegel steigt bei Frauen zu Beginn einer Liebe und sorgt für Lust auf Sex, während er bei Männern, wenn sie sich verlieben, zunächst fällt.

Übrigens: Der Serotoninspiegel von Verliebten ähnelt dem von Menschen mit einer Zwangsstörung. Liebe ist also eine Art von Obsession. Das ist der Grund, warum unerfüllte Liebe so schmerzvoll ist.

Ist die Liebe jedoch erwidert und man eine Weile zusammen, ist zärtlich und liebevoll zueinander, dann wird vom Körper Oxytocin produziert, was für gefestigteres Vertrauen sorgt und dafür, dass wir den anderen auch noch mit Bierbauch und Hängebrüsten attraktiv finden.

Oxytocin wird von Frauen allerdings auch beim Orgasmus ausgeschüttet. Das ist der Ursprung des Glaubens, dass sich Frauen beim Sex immer verlieben würden. Ist der Sex also besonders gut, bauen Frauen schneller eine Bindung auf. Bei Männern dreht es sich um ein anderes, dem Bindungshormon Oxytocin ähnlichem, Hormon: Vasopressin. Dieses baut sich auf, wenn Mann an jemandem sexuell interessiert ist, fällt jedoch mit der Erfüllung dieses sexuellen Interesses. Hinzu kommt, dass Testosteron das Bindungshormon Oxytocin hemmt.

Kurz: Mit der Biologie ist es kompliziert und an dem alten Spruch „Wenn du willst, dass er sich verliebt, dann schlafe nicht so schnell mit ihm.“, ist wahrscheinlich leider etwas dran.

Das ist der Grund, warum es die eine, große Liebe nicht gibt.

Die US-amerikanische Anthropologin Helen Fisher beschreibt auf der Grundlage der biologischen Gegebenheiten drei Systeme von Liebe.

1. Die sexuelle Begierde wird von Testosteron gesteuert. Nach Fisher muss dieser „Sex-drive“ allerdings nicht einmal auf jemanden bezogen sein. Oder kann genauso gut auf viele Menschen zum gleichen Zeitpunkt bezogen sein.

2. Die romantische Fixierung hängt hingegen mit dem Dopamin-System zusammen und ist nach Fisher auf eine einzige Person zu einem Zeitpunkt festgelegt.

3. Sicherheit und Vertrauen hängt mit Oxytocin und Vasopressin zusammen.

Im biologischen Idealfall sieht das Szenario also so aus: Zwei Menschen wählen sich unter vielen anderen aus, zeugen Kinder und halten sich so lange aus, bis diese Kinder alleine zurecht kommen.

Das klingt praktisch, nicht romantisch. Und zudem sind diese drei Liebes-Systeme nicht unbedingt miteinander verbunden, so Fisher. Während man eine Person romantisch liebt, kann man eine oder viele andere sexuell begehren oder ihnen tief verbunden sein. Außerdem wandeln sich diese Formen der Zuneigung natürlich.

Wie viele Liebes-Systeme zwei Menschen auf welche Dauer und in welcher Form verbinden ist also zum einen dem Timing und der eigenen Handlung verschuldet, zum anderen einfach Biologie. Und am Ende kann man sich die Frage stellen, ob das unbedingte Festhalten an einer einzigen großen Liebe nicht eher einer gesellschaftlich auferlegten und realitätsfremden Limitierung, anstelle einer natürlichen und wahrhaftigen Emotion entspricht. Wer an der einen großen Liebe festhält, der wird wahrscheinlich nie begreifen, was Lieben überhaupt bedeuten kann.

Text und Bild von Kim von Ciriacy

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