Suizidprävention kann Leben retten

Tabuthema Suizid: Leben retten durch Aufmerksamkeit

Suizid, Selbstmord, Freitod, Selbsttötung. Namen, für eine Tat, die das eigene Leben beendet. Begriffe, die Angst und Verzweiflung ausdrücken. Ein Thema, das gerne ausgeblendet wird. Obwohl sich jährlich eine Million Menschen selbst töten.

Einmal im Jahr wird seit 2003 der Welttag der Suizidprävention (World Suicide Prevention Day) begangen. Im September versammeln sich deshalb über hundert Menschen vor dem Brandenburger Tor in Berlin. Ein schriller Ton hallt über den Platz. Die Personen lassen sich fallen. Es herrscht Stille. Nach und nach wird ihnen von prominenten Unterstützern aufgeholfen. Ein Zeichen dafür, dass niemand allein ist.

Es ist ein symbolischer Akt, mit dem auf 600 Leben aufmerksam gemacht wird. 600 Leben, die jährlich in Deutschland enden, weil junge Menschen keinen anderen Ausweg sehen, als sich das Leben zu nehmen. Trotz hoher Opferzahlen ist Suizid in Gesellschaft, Medien und Politik ein Tabuthema. Zum dritten Mal findet die Kampagne mit dem Namen 600 Leben statt, mit der die Initiatoren erreichen wollen, dass Suizidprävention ernst- und wahrgenommen wird. Denn Suizid kann verhindert werden.

Selbstmord: die Kontrolle zurückgewinnen

Anna Hase ist Anfang 20 und kämpft seit sie 15 ist mit Depressionen. Sie bricht in der 10. Klasse die Schule ab und lässt sich 2010 in eine Klinik einweisen, da sie Selbstmordgedanken hat. Die Überlegungen daran, wie sie ihrem Leben ein Ende setzten könnte, schleichen sich zu diesem Zeitpunkt immer öfter in ihren Kopf. Anna erzählt, sie habe das ständige Gefühl, sich langsam aufzulösen. Nicht einmal der Gedanke daran, wie ihre Freunde und Familie auf ihren Tod reagieren würden, habe sie gestoppt. „Es war wie Gift, das sich immer weiter ausbreitet“, beschreibt sie ihren damaligen Zustand.

„Am Anfang war es nur ganz selten“, erklärt die junge Frau. „Der Gedanke daran, dass ich die Möglichkeit hätte, mein Leben zu beenden, beruhigte mich. Das Gefühl die Kontrolle zurück zu bekommen, die mir meine Depressionen genommen haben, war ein Moment der Sicherheit für mich.“

Diese Überlegungen hat die damals 17-jährige über Monate hinweg. Sie traut sich nicht mit jemandem darüber zu sprechen, weil sie Angst hat nicht ernst genommen zu werden. Den Satz: „Reiß dich zusammen, in deinem Leben ist doch alles in Ordnung“, hört sie oft, wenn sie damals anfängt über ihre Gefühle zu sprechen. Die junge Frau ist sich sicher, dass die Welt ohne sie ein besserer Ort wäre.

„Es war fast wie ein Spiel, Methoden zu finden mich umzubringen.“

Heute weiß sie, dass das nicht stimmt. Ihre Eltern bemerken, dass etwas nicht in Ordnung ist und sprechen sie immer wieder darauf an. Doch die Depression ist zu tief in ihrem Denken verankert. „Ich musste ständig daran denken, wie ich mich umbringen könnte. Welche Möglichkeiten es gib, meinem Leben ein Ende zu setzten.“ Sie erzählt, es wäre fast wie ein Spiel gewesen, immer neue Methoden zu finden sich umzubringen.

Irgendwann bekommt sie selber Angst und öffnet sich ihrer Familie. Sie möchte Hilfe und lässt sich von ihren Eltern in eine Klinik einweisen. Mehrere Monate wohnt sie dort und hat verschiedenen Arten der Psychotherapie, die ihr helfen sollen ihre Krankheit zu besiegen. Sie nimmt zu dieser Zeit Antidepressiva und ihr Zustand verbessert sich. Anna wird nach sechs Monaten aus der Klinik entlassen. Doch wieder zurück zu Hause, in ihrem gewohnten Umfeld, werden die Depressionen erneut schlimmer. Das Gefühl der Nutzlosigkeit überkommt sie immer öfter und sie lässt sich ein zweites Mal einweisen.

Heute geht es der 23-Jährigen gut und sie besucht nur noch einmal in der Woche eine ambulante Therapie. „Der Weg war lang und sehr hart. Jetzt kann ich wieder in den Spiegel schauen, ohne Hass zu empfinden, aber es war ein Prozess, der sich über Jahre hinweg gezogen hat“. Schlechte Tage hat sie immer noch oft.

Quelle: Statista

Für solche Momente hat Anna in der Klinik eine Methode entwickelt, auf die sie dann zugreift. Sie hat eine Liste mit ihrer Therapeutin ausgearbeitet, auf der Anweisungen zur Hilfe für sie selbst stehen. Anweisungen wie: tief durchatmen, mit Mama oder Annika (ihre Freundin) reden, oder Körperwahrnehmung. Die junge Frau erzählt, dass diese Liste in den ersten Momenten ihr Rettungsanker sei, da sie das Gedankenkarussell stoppt, was in ihrem Kopf tobt. Danach sei es ihr möglich, klarer zu denken.
Anna Hase ist sich sicher, ohne die Klinikaufenthalte und die Hartnäckigkeit ihrer Eltern, wäre die sie jetzt tot.

Suizidopfer: Das direkte Umfeld

Sabrina Wilke ist 30 und eine zierliche blonde Frau. Sie steht mitten im Leben, hat einen Ehemann und eine kleine Tochter. Sabrina hat mit 14 Jahren ihren Großvater durch Selbsttötung verloren. „Ich hatte keine gute Beziehung zu ihm. Ich hab‘ ihn erst mit 11 Jahren kennen gelernt“, erinnert sie sich.

„Er war nicht besonders liebevoll, aber er war mein Opa.“ Trotzdem seien die Gefühle nach seinem Tod überwältigend gewesen. Sie beschreibt, dass sie sich hilflos, verwirrt und taub gefühlt habe. Als würde sie schreien wollen, aber es nicht können. Die Frage, ob es möglich gewesen wäre, es zu verhindern, begleitet sie bis heute. Auch wenn Sabrina weiß, dass sie keine Schuld an dem Tod trägt, fragt sie sich noch 16 Jahre später, warum ihr Großvater Suizid begangen hat.

Es gab keinen Abschiedsbrief und keine Erklärung, warum er so verzweifelt gewesen ist. Sie erzählt, dass der Gedanke, dass ein Mensch in ihrem Leben lieber tot sein wollte, als weiter zu leben, ihr wahnsinnige Angst eingejagt hat. „Er lag damals im Krankenhaus und hat sich seinen Dialyseport aus der Hauptschlagader gezogen. Das war zwei Tage vor Weihnachten“, erinnert sich die junge Frau. Die Ärzte sagten, dass der große Blutverlust ihn einfach hat einschlafen lassen.

Als sie beschreibt, wie der Tag war, an dem sie die Nachricht bekommen hat, stutzt Sabrina, denn sie kann sich nicht an das Datum oder die Jahreszeit erinnern. „Ich weiß, dass es Nudeln gab, und es dunkel war, aber ich kann nicht sagen wann das war.“ Sie erzählt, sie war bis zu einem langen Gespräch mit ihrer Mutter vor ein paar Jahren sogar der Meinung, sie sei viel jünger als 14 gewesen. „Extrem, was das Gehirn und Verdrängung bewirken können“, lächelt die zierliche Frau traurig.

Heute weiß sie, dass weder Worte noch Taten etwas hätten ändern können. Doch Jahre lang war sie sich sicher, wäre sie netter gewesen, hätte er sich vielleicht nicht das Leben genommen. Sabrina ist bewusst, dass der Suizid ihres Großvaters nichts mit ihr zu tun hatte, aber sie weiß auch wie furchtbar das Gefühl ist, jemanden zu verlieren, der freiwillig sterben wollte. Einen Menschen, der keinen anderen Ausweg mehr gesehen hat, als sich umzubringen. Deswegen, sagt sie, sei Suizidprävention so bedeutend. Denn jedes gerettete Leben ist ein großer Erfolg.

Rund 10.000 Menschen nehmen sich jährlich in Deutschland das Leben. Damit sterben in Deutschland deutlich mehr Menschen durch Suizid als aufgrund von Verkehrsunfällen, Drogen und Aids zusammen. Entsprechend groß ist auch die Zahl der betroffenen Angehörigen und Freunde. Oft können diese nicht verstehen oder nachvollziehen, was das Opfer zu der Tat getrieben hat. Viele fühlen sich jahrelang schuldig und werfen sich vor, es nicht verhindert zu haben. Aus diesen Gefühlen heraus können ernsthafte psychische und körperliche Folgen resultieren. Um Angehörige und Hinterbliebene zu unterstützen und durch ihre Trauer zu helfen, gibt es Foren und Communities im Internet, die sich mit diesem Thema beschäftigen.

Trotz all der bekannten Fakten, gibt es nach wie vor keine offizielle Aufklärungsarbeit der Politik. Immer wieder greifen zwar Filme und Romane die Thematik auf. Die mediale Aufmerksamkeit dafür ist jedoch verschwindend gering. Lediglich der Tod von berühmten Suizidopfern wie Robin Williams und Robert Enke erreichte in der Vergangenheit größeres Aufsehen. Grade deswegen sind Aktionen wie „600 Leben“ vor dem Brandenburger Tor buchstäblich lebenswichtig, denn Suizid kann verhindert werden.

Von Chiara Ksienzyk

(Der Artikel wurde hier im Original veröffentlicht)

Bildnachweis: Counselling unter CC0 via Pixabay

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