Journalismus muss sich für die Gesellschaft 4.0 neu erfinden

Journalism isn’t dead: It just smells funny

Journalismus ist wichtig für eine Gesellschaft, in der der Einzelne tagtäglich Entscheidungen treffen muss. Entscheidungen sind meistens ein Ergebnis von Meinungen, die man sich schnell und zu ganz verschiedenen Fragestellungen bilden muss. Ohne Journalismus, hätte weder Marktwirtschaft noch Demokratie langfristig eine Chance. Denn es ist die Freiheit, sich aus verschiedenen Möglichkeiten – Parteien, Produkten, Religionen, Berufen, Lebensentwürfen – eine auszuwählen, die das Fundament moderner Gesellschaften bildet.

Was ist die Aufgabe des Journalismus in diesem Spiel? Journalismus dient der kurzfristigen Aktualisierung von Sinnzusammenhängen. Oder einfacher formuliert: Journalismus liefert uns die Nachrichten, über die wir sprechen, die uns bewegen, die für uns relevant sind und die uns helfen, schnell und einfach Meinungen zu oftmals sehr komplexen Zusammenhängen zu bilden.

Nachrichten und Meinungen sind hier zwei Kernbegriffe. Eine Nachricht ist ein Ereignis, über das man spricht. Es ist egal, ob das Ereignis die Krankheit der Oma oder ein Flugzeugabsturz ist. Eine Meinung ist eine Festlegung in Bezug auf ein Thema. Man ist für das Recht auf Asyl und gegen Massentierhaltung. Nachrichten (Ereignisse) führen zu Themen (zusammenhängenden Sinnkomplexen), zu denen wir uns eine Meinung bilden. Und dieser Dreischritt ist ganz wesentlich durch Journalismus geprägt.

Journalismus ist nicht einfach die Summe der Aktivitäten von Journalisten

Durch Journalismus geprägt heißt aber nicht automatisch auch durch Journalisten geprägt, wenn man unter diesen die recht kleine Gruppe der hauptberuflich bei Verlagen und Rundfunkanbietern arbeitenden Reporter und Redakteure versteht. Journalismus ist nicht einfach die Summe der Aktivitäten von Journalisten. Das wäre zu kurz gegriffen und bringt die Frage auf den Tisch, was denn Journalismus eigentlich ist.

Mit guten Gründen lässt sich Journalismus als eine Sozialtechnik umreißen, um öffentliche Aufmerksamkeit für Ereignisse zu gewinnen. Aufmerksamkeit ist zunehmend knapp in einem globalen und durch Internet jederzeit zugänglichen Angebot an Inhalten und Kommunikationsanlässen. Daher ist die Notwendigkeit, nach professionellen Routinen journalistisch zu handeln, heute nicht nur für Verlage und Rundfunkanbieter interessant, sondern für deutlich mehr Akteure.

In diesem Umfeld stellen wir als Beobachter der Medienlandschaft verwundert fest, dass Journalismus im althergebrachten Sinn heute kaum noch Erfolg hat. Er ist noch nicht tot, aber riecht schon merkwürdig. Kaum jemand empfiehlt heute seinen Kindern allen Ernstes, eine Karriere als Journalist ins Auge zu fassen. Dann noch lieber Bordellpianist, um ein Bonmot von Jacques Séguéla aufzugreifen (dem der Satz zugeschrieben wird: „Sag meiner Mutter nicht, dass ich in der Werbung arbeite – sie glaubt, ich bin Pianist in einem Bordell“).

Warum ist das so? Weil das, was eigentlich Aufgabe des Journalismus ist, derzeit nicht von Journalisten geleistet wird, sondern von einer bunten Mischung aus PR-Profis, Social Media Agenturen, Werbern, Influencers, Celebrities, Family & Friends. Journalismus hat die Aufgabe, Ereignisse auszuwählen und darüber für ein Publikum öffentlich zu berichten. Genau dies geschieht millionenfach am Tag auf Plattformen wie Facebook, Instagram, Youtube und Twitter.

Journalismus ohne Journalisten?

Warum wendet sich das Publikum von den großen journalistischen Produkten in Zeitung, Zeitschrift, Radio und Fernsehen ab und hört auf vermeintliche Amateure, auf Blogger, Youtube-Stars und Influencers? Weil eben diese die Aufgabe des Journalismus, Sinnzusammenhänge zu aktualisieren, derzeit besser erfüllen. Das ist die einzige belastbare Erklärung. Darüber zu klagen, ist einfältig. Die Zeiten ändern sich und nur so lange sich etwas ändert, lebt es. Doch es erscheint legitim zu fragen, warum die Verlags- und Rundfunk-Journalisten, oft gut verdienende, gut vernetzte, kommunikationsstarke Alphatiere, ihre beherrschende Stellung im Geschäft mit der Aufmerksamkeit so stark eingebüßt haben.

Ein Grund ist recht trivial, aber natürlich relevant: Durch die Vernetzung über die Internettechnologien und die damit einhergehende Digitalisierung der Inhalte ist der regulierte (Rundfunk) und investionsintensive (Print) Zugang zur Öffentlichkeit abhandengekommen. Here Comes Everybody, nannte Clay Shirky treffenderweise seine Beschreibung der Konsequenzen aus der Netzwerkökonomie.

Der zweite Grund ist eigentlich noch trivialer, aber umso erstaunlicher: Es gibt keine hochwertige Ausbildung für Journalismus. Man empfiehlt, ein Studium der Wahl (Recht, Wirtschaft, Medizin, egal), um dann danach für zwei Jahre on the job in einem Volontariat das praktische Handwerk zu lernen. Doch wie bemerkt Paul-Josef Raue in einem Beitrag für kress.de sehr klar: „In den meisten deutschen Verlagen sieht auch die Ausbildung aus wie vor dreißig Jahren, obwohl die Mauern um die Zeitungen und Magazine herum schon tiefe Risse zeigen: Die älteren Journalisten formen die jungen Leute nach ihrem Bilde; der Nachwuchs soll so arbeiten, wie Journalisten immer schon gearbeitet haben – vielleicht mit ‚ein bisschen Online‘ als Garnierung. Wer Glück hat als Volontär, der hat gute Redakteure um sich, die das Handwerk beherrschen und die sich bemühen. Aber das ist Glück, nicht System.“

Diese Beobachtung entspricht der theoretischen Analyse, die ich zusammen mit Björn Krass im Frühjahr für den Sammelband „Atmosphären des Populären“ ausgearbeitet habe und die zum Ergebnis kommt: „Wir sehen den Professionalisierungsgrad im Journalismus derzeit als eher gering. Best practices werden als Erfahrung weitergegeben, unabhängig von einer Reflektion, ob diese Erfahrungen heute noch hilfreich, neutral oder sogar kontraproduktiv sind. Dies entspricht dem Entwicklungsstand der Medizin im 19. Jahrhundert. Erst durch die enge Verzahnung mit Theorie (im Hörsaal), Forschung (im Labor) und Praxis (im Lehrkrankenhaus) gelang die Professionalisierung des medizinischen Berufsstands. Journalismus als eine Technik, mit der sich die Gesellschaft durch die öffentliche Meinung selbst ein Bild von sich macht, sollte eine ähnliche Professionalisierung durchlaufen, was sich durch die Struktur der Ausbildung erreichen lässt.“

Anstatt über Industrie 4.0 sollten wir lieber über Gesellschaft 4.0 sprechen

Bevor wir von Industrie 4.0 sprechen und diese mit großen Bemühungen fördern, sollten wir vielleicht von der Gesellschaft 4.0 sprechen, die durch die Digitalisierung nachhaltig verändert wird. Wir sind gerade erst am Beginn der Digitalisierung. Aber schon jetzt zeigt sich: politische Machtverteilung, Karrierewege, Teilhabe, Bildung, Wettbewerb, Kultur, Kunst, alles ändert sich und dringender denn je brauchen wir in diesem Umbruch Journalismus. Digitalisierung erfordert nicht nur neue Geschäftsmodelle, sie erfordert neue Formen der Auseinandersetzung, der Mobilisierung, des Parteiergreifens und des Meinungsmachens. Wichtiger denn je wäre es in dieser Gemengelage den Journalismus bestmöglich zu professionalisieren und dadurch – als volkswirtschaftliche Konsequenz – dauerhaft im internationalen Wettbewerb der Innovationen und Investitionen zu reüssieren.

Zeitungsjournalismus und öffentlich-rechtliche Redaktionsarbeit sind nicht tot, aber sie riechen schon merkwürdig. Es wird Zeit, die journalistische Quacksalberei aufzugeben und sich im Dreiklang von Forschung, Lehre und Praxis neue Routinen der Professionalisierung zu erarbeiten.

Von Thomas Becker (der Originalbeitrag wurde im Doc Block veröffentlicht)

Bildnachweis:  alejandroescamilla unter CC0

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