Schwanzlos glücklich: Musikalischer Feminismus

Heute ist der Video-Release des Songs „Hengstin“ von Jennifer Rostock. Ein Stück musikalischer Feminismus, der die sozialen Netzwerke überrollt und sich viele die Frage stellen lässt, ob wir ihn noch brauchen.

Feminismus: Ein Thema, welches mich schon seit einiger Zeit begleitet.  Nicht erst seit heute, nachdem viele Online Magazine wie Refinery29, Jetzt und 16bars darüber berichten. Mein Facebook Feed war voll, überall fiel mir das Wort Hengstin ins Auge. Das Video ist knapp sechs Stunden online und hat bereits nahezu 30.000 Views. Da stellt sich mir die Frage, warum erst jetzt? Und soll ich wirklich darüber schreiben? Aber verdammt ja! Denn endlose Diskussionen an Mädelsabenden, innere Monologe und stundenlange Stellungnahmen beim ersten Date zum Thema Frauenrechte sind schon lange Bestandteil unseres Alltags. Nicht erst seitdem Jennifer Rostock öffentlich politisch und gesellschaftlich Stellung zu diesen Themen bezieht.

Vor einiger Zeit saß ich in Prenzlauer Berg mit guten Freundinnen in einer Weißweinrunde. Es wurde spät und unsere Gespräche proportional intensiver, politischer und emotionaler. Ich riss das Musikruder an mich und präsentierte stolz den Song „Hengstin“, der mit dem Album „Genau in diesem Ton“ von der zugezogenen Berliner Band am 09. September released wurde. Das Album strotzt vor starker Statements und einer großer Klappe mit viel dahinter. Das war zu erwarten. Die Frontfrau Jennifer Weist veröffentlichte nicht erst vor kurzem pünktlich zu den Wahlen in Mecklenburg Vorpommern, den Anti Afd Song und erregte damit die Aufmerksamkeit einer ganzen Nation. Ein sehr gelungener Coup, den du hier findest. Die Frontfrau der Band wurde danach von einem klassischen Shitstorm des 21. Jahrhunderts überfallen. Das machte ihr nichts aus und das nenne ich „Eier haben“. Obwohl irgendwelche selbsternannten Rechtspopulisten sie tatsächlich vor ihrer Wohnung bedrohten. Und ey, das ist wirklich verdammt scheiße. Heute folgte der zweite Coup, der hoffentlich genauso viel Aufmerksamkeit bekommt. Wer gar keine Ahnung hat, von welchem Video ich eigentlich spreche und heute auch noch nicht seine Facebookwall gecheckt hat, kann sich hier das Video in voller Länge ansehen. Es warten traplastige Beats und eine Menge wunderbarer Frauen.

Zurück in Prenzlauer Berg und in meiner Mädelsrunde, mit mindestens genauso vielen metaphorischen männlichen Geschlechtsteilen, aber weniger guten Gesangsstimmen. Man kann halt nicht eben alles haben. Nach mindestens einer halben Flasche Wein befanden wir den Song als sehr gut. Es wurde freudig diskutiert. Auch am nächsten morgen und wieder nüchtern, fand ich den Song noch gut. Dennoch gingen mir einige Fragen nicht aus dem Kopf. Werde ich als Frau in den mittzwanzigern überhaupt gendergerecht behandelt? Sollte ich noch darüber diskutieren, oder mache ich aus einer Fliege einen Elefanten? Aber selbst wenn, ist diese Fliege verdammt nervig. Aber tatsächlich, nicht vor allzu langer Zeit, wagte es doch jemand zu mir zu sagen: „Ja mein Gott, ihr Frauen habt es halt ‚eh leichter. Zeigt einfach ein bisschen eure Brüste und dann läuft das schon mit der Karriere. Zur Not könnt ihr euch immer hochschlafen“. Autsch, das war mein erster Gedanke. Mein Zweiter: „Arschloch“. Ganz passend dazu, ein Vers aus dem Song „Hengstin“,

„Du fragst, was Sache ist? Reden wir Tacheles!
Ich glaube nicht daran, dass mein Geschlecht das Schwache ist.
ich glaube nicht, dass mein Körper meine Waffe ist ,
ich glaube nicht, dass mein Körper deine Sache ist“

Amen.

Feminismus ist ekelhaft

So, oder so ähnlich äußerte sich die junge Journalistin Ronja von Rönne  schon im Frühjahr 2015 zu diesem Thema. Ebenfalls eine starke Frau mit polarisierenden Meinungen, die unter anderem bekannt durch die Ablehnung des Axel-Springer-Journalisten Preises wurde. Ich weiß, das mag skurril klingen, aber irgendwie verstehe ich sie auch. Ihr Artikel bei der Welt beginnt so, „Ich bin keine Feministin, ich bin Egoistin. Ich weiß nicht, ob „man“ im Jahr 2015 in Deutschland den Feminismus braucht, ich brauche ihn nicht. Er ekelt mich eher an. Feminismus klingt für mich ähnlich antiquiert wie das Wort Bandsalat.“ Und da sind wir wieder bei der Fliege. Ich will gar nicht über Feminismus reden, warum Männer gemein sind und wieso ich eigentlich weniger Geld verdiene als das andere Geschlecht. Ich tue es aber doch. Am eigenen Leib erfuhr ich es nur selten, von meinen Freundinnen hörte ich es öfters.  Und eigentlich dachte ich auch, ich hätte am Ende dieses Textes eine Meinung dazu, vielleicht sogar eine Lösung. Zumindest, eine Idee was Feminismus für mich und meine Generation im Ansatz nur bedeuten könnte. Das ist schon fast so wie mit Beziehungen. Und da bin ich quasi bei Michael Nast (Buch Generation Beziehungsunfähig) angekommen und hier ist defintiv der Punkt, an dem ich aufhören sollte darüber zu schreiben. Ob Feminismus nun notwendig ist, oder nicht, soll und darf jeder gerne für sich selber entscheiden. Ob es sich bei dem Video nur um einen viralen Trend handelt, oder wir doch auf einmal alle Girlboss sind, bleibt abzuwarten. Bis dahin höre ich noch etwas obszönen Frauen-Deutschrap. Sehr empfehlenswert. Obwohl, „Frauen wissen ja nie so genau was sie wollen“.

Von Lea Bohlmann

Bildnachweis: Unsplash, Camila Cordeiro

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