Die Frau, die sich selbst heiratete: Grace Gelder im Interview

Gibt es die wahre Liebe noch? Die große Liebe, die in Romanen und Hollywoodfilmen beschworen wird? Man mag den Glauben daran verlieren, wenn man sieht, dass in Deutschland mittlerweile jeder Dritte als Single lebt. Wir tun uns heute so schwer wie nie, uns auf einen Partner festzulegen. Der favorisierte Beziehungsstatus der Generation Y: Mingle. 

Diese Wortneuschöpfung setzt sich aus den Begriffen „mixed“ und „Single“ zusammen. Im Klartext heißt das, man verhält sich wie ein Paar, ist aber nicht liiert. Heutzutage wollen wir auf nichts mehr verzichten, weder auf die Geborgenheit einer festen Partnerschaft, noch auf die Freiheit des wilden Singlelebens. Warum sich entscheiden, wenn man auch alles haben kann?

Grace Gelder, eine Fotografin aus England, setzte ihrem Single-Dasein nach sechs Jahren eine Ende. Sie heiratete sich einfach selbst. Zu dieser ungewöhnliches Idee inspiriert wurde Grace durch den Song Isobel der isländischen Sängerin Björk, in dem sie singt: „my name Isobel, married to myself“.

Den endgültigen Auslöser gab ein Workshop über Vereinbarungen. „Ich fing an, darüber nachzudenken, was Vereinbarungen sind und wollte eine starke Vereinbarung mit mir selbst treffen. Ich wollte, dass mir meine Freunde und meine Familie dabei zusehen, wie ich mir selbst diese Versprechen gebe. Durch eine Zeremonie wird die Sache viel ernster.“

Die Engländerin lud einige Freunde und ihre Familie ein, kaufte ein Kleid und einen Ehering, den sie jetzt jeden Tag trägt. Als Höhepunkt der Feier gab sie sich selbst das Ja-Wort und küsste ihr Spiegelbild. „Wir haben so viele Feste, um unsere Partnerschaften zu feiern. Dabei sollten wir uns viel öfter selbst feiern, ob Single oder nicht“, rät Grace allen, die sich verzweifelt eine Hochzeit wünschen.

Einen festen Partner finden- ein Wunsch, der heutzutage schnell zu einem Traum wird. Social media, Whatsapp, Partnerbörsen- die Möglichkeiten scheinen unendlich, aber mit der Wahlfreiheit kommen oft auch die Schwierigkeiten: „Die Strukturen haben sich stark verändert“, sagt Grace. „Die Menschen haben es leichter, jemanden kennenzulernen und mehr Optionen, wie Liebhaber oder Mingles zu sein.“ Trotzdem fühlt sie immer mehr den Druck von außen, in den Dreißigern und unverheiratet zu sein.

Eine feste Partnerschaft oder Ehe ist kein Garant dafür, glücklich zu sein. Für Grace kann auch ein Single-Leben vollkommen erfüllt sein: „So lange du weißt und wählst, was du wirklich willst, kannst du in jeder Form von Beziehung glücklich werden. Da gibt es kein richtig oder falsch, alles hat seine guten und seine schlechten Seiten, aber so lange du nicht genau weißt, was du davon willst, wird es schwierig in einer Beziehung glücklich zu werden.“

Die ungewöhnliche Eheschließung sorgte weltweit für Aufsehen  „Ich erhielt Heiratsanträge von Männern aus der ganzen Welt“, verrät Grace „Aber es gab auch eine kritische Stimmen, die mich als Narzisstin bezeichneten.“ Rückwirkend hat ihre Ehe mit sich selbst allerdings wenig mit Selbstverliebtheit zu tun. Was Grace wirklich daraus mitnahm, waren die Versprechen, die sie sich selbst gab: „Immer, wenn ich eine Entscheidung in meinem Leben treffen muss, schaue ich mir mein Ehegelübde an und überlege, welche Entscheidung dazu am besten passen würde.“

Die Frage, ob es die wahre Liebe noch gibt, bejaht Grace im Übrigen, wenn auch etwas zwiespältig: „Ich denke, es ist komplizierter, weil wir so viele Medien, Bücher und jede Menge Literatur haben. Es ist Schwachsinn zu glauben, dass man einfach Prince Charming finden muss und dann für immer glücklich ist. Eine Beziehung ist harte Arbeit. Natürlich ist Romantik etwas Schönes, doch man muss sich bewusst sein, dass es nichts Dauerhaftes ist.“

Von Julia Lehrter

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